Archiv für den Tag: 10. August 2024

Michael O’Brien, Father Elijah: Eine Apokalypse

Daniel Schäfer, ein Warschauer Jude, kam als einziges Familienmitglied nicht in Auschwitz um. Nach dem Krieg zog er nach Israel, wurde Anwalt, heiratete Ruth, die bald bei einem Anschlag starb – „die unerbittlich leeren Jahre begannen”. Er konvertiert zum Christentum, wird Karmelitermönch und heißt von Stund an Elijah. Seine Zuneigung gilt der Archäologie und der apokalyptischen Fachliteratur. Sein Blick ist meist verhangen, er fühlt sich alt und müde. Dennoch ruft der Papst ihn nach Rom, um den Untergang der Christenheit zu verhindern. Der neue Präsident der Europäischen Union will eine „globale Zivilisation” errichten. In diesem Kampf sind neben Elijah und dem „Präsidenten“ (er bleibt namenlos – das Böse hat keinen Namen) noch zwei weitere Figuren wichtig: Anna Benedetti, als naturrechtlich argumentierende Richterin eine agnostische Verbündete Elijahs, und ein Kardinal, der die Kirche zu einem Hort der neuen Weltordnung machen will. Unter dem – bekanntlich keineswegs erfundenen – Banner des Dialogs und des Aggiornamento soll der christliche Glaube zur bloßen Weltanschauung werden, ohne Gebet, ohne Sakramente, ohne Erinnerung. Das außergewöhnliche und außergewöhnlich bekenntnisfreudige, nur momentweise kitschige Buch endet dann aber nicht mit Donner und Gloria, sondern leise, wie es begann – und ergo apokalyptisch, erscheint doch „die reale Apokalypse als Normalität, weil wir mittendrin sind.”

Der Kanadier Michael D. O‚Brien, 1948 in Ottawa geboren, war als Jugendlicher Agnostiker bis er im Alter von 21 Jahren zum Katholizismus konvertierte. Autodidakt ohne akademischen Hintergrund begann er fünf Jahre später auf Drängen seiner Frau, sich in seiner – meist bildnerischen –Kunst religiösen Themen zuzuwenden. Erst im Alter von 46 Jahren begann er zu schreiben. 1996 wollte er in einem dystopischen Roman eine buchstäbliche Apokalypse, begriffen als frei und oft martialisch herbeifabulierte Endzeitphantasie, wie sie real aussehen könnte, schaffen. So entstand ein Bestseller, der mittlerweile zum Curriculum einiger US-amerikanischen Universitäten zählt: Ein katholischer Mystery-Thriller.

Michael O’Brien hat heute sechs Kinder und lebt mit seiner Familie in Combermere, Ontario, Kanada.

Was mich an dem Roman – den mir eine Universitäts-Professor empfohlen hat, der weit davon entfernt ist, auch nur im mindestens kampf-konservativ, reaktionär oder katholisch-fundamentalistisch zu sein – fasziniert hat ist, dass er in gewissem Sinn trotz der ureigentlich religiösen Thematik ganz laikal bleibt, ja zuweilen wie ein gewendeter Dan Brown rüberkommt. Natürlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Hugh Benson’s „Der Herr der Welt“ im Hintergrund Pate gestanden hat.

Was die anderen dazu meinen:

„ … beachtlich an diesem katholischen Thriller, ist, wie gut er unterhält, wie selten er ins Kitschige abgleitet und wie geschickt er seine Figuren konturiert.“ (Süddeutsche Zeitung)

Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne

Der Roman beginnt in einem Spielzeuggeschäft, in dem solarbetriebene Androiden in Kindergestalt – sogenannte „künstliche Freunde“ (KF) – zum Verkauf angeboten werden. Klara ist eine solche. In der geschilderten dystopischen Zukunft – irgendwann in den USA – werden Kinder genetisch verändert und wachsen in sozialer Isolation von ihren Altersgenossen auf. Die KFs dienen ihnen als Gefährten. Klara beobachtet als Erzählerin des Romans das Leben der Menschen, versucht sich so manches zu erklären und hofft, bald von einem Kind als neue Freundin ausgewählt zu werden. Als sich ihr Wunsch endlich erfüllt und ein Mädchen sie mit nach Hause nimmt, beginnen die Probleme, Enttäuschungen, Fragen …

Kazuo Ishiguro (*1954 in Nagasaki) ist ein britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. In vielen seiner Romane behandelt er das Eingeschlossensein in Rollen, Situationen, ja im Menschsein. Bei der Verleihung des Nobelpreises 2017 wurde er als Schriftsteller gelobt, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. So schon in seinem berühmtesten Roman Was vom Tage übrigblieb (1989) oder auch in Alles was wir geben mussten (2005). Beide Bücher wurden auch verfilmt.

In Klara und die Sonne, das stellenweise ein bisschen wie ein Kinder- oder Jugendbuch rüberkommt, ist dieser Abgrund erst mit der Zeit spürbar, wenn mit der Akzeptanz des Roboters Klara als Gefährtin eines kranken Kindes langsam die wirkliche Problematik entwickelt wird. Ein sehr stilles Buch, das erst in der zweiten Hälfte ein wenig Fahrt aufnimmt. Für mich liegen die absoluten Stärken in der Schilderung des „Innenlebens“, der Gedanken und Reflexionen der KI über das Phänomen Mensch in all seinen Facetten. Dabei fand ich sehr positiv, dass der Autor offensichtlich nicht die Künstliche Intelligenz oder die aus ihr folgende Technik für gefährlich hält, sondern den Menschen in seinem Umgang damit.

Was die anderen dazu meinen:

„Es geht um nicht weniger als um die Frage, ob der Mensch einzigartig ist – und um die Angst davor, er könnte es nicht sein. Kann eine solche „künstliche Freundin“, das menschliche Wesen in vollem Umfang simulieren?“ (Die Zeit online)

„Easy reading auf hohem Niveau“ (Die Tageszeitung)