Schlagwort-Archive: Bücherkoffer 2019

Alessandro D’Avenia, Die Welt ist eine Muschel

Alessandro D’Avenia ist ein besonderer Schriftsteller. Sein erklärtes Publikum sind Jugendliche, die er mit seinen optimistischen Erzählungen, sein Einfühlungsvermögen und seine expliziten oder impliziten Zitate für die Welt der Literatur gewinnen will. Hinzu kommen immer Elemente und Personen aus seiner Heimat Sizilien. Die Kombination ist sehr attraktiv, auch für Leser, die nicht zu seiner Zielgruppe gehören.

Eine romantische Erzählung über mehrere Generationen mit einem Happy End, gespickt allerdings von ironischen Anspielungen die, vermutlich, in der Originalsprache deutlich zum Vorschein kommen. Empfehlenswert.

Was andere dazu meinen:

Der Geruch des Meeres, die Gischt der Wellen, das gleißende Licht, das sich zwischen Horizont und Himmel sammelt und Margheritas klare grüne Augen tränen lässt: Ihren 14. Geburtstag verbringt sie mit ihrem Vater auf einem Segelboot. Es ist das Ende des Sommers und der Beginn einer neuen Zeit, denn bald fängt für Margherita das Jahr an der Oberschule an. Sie hat Angst, aber der Vater beruhigt sie – alles wird gutgehen. Doch nach diesem Sommer ist für Margherita nichts mehr so, wie es einmal war. Der Vater verlässt die Familie ohne Erklärung und lässt seine Tochter mit dem unaussprechlichen Gefühl der Trauer zurück, das sie in sich einschließt wie die Perle in einer Muschel. Doch sie erfährt auch, wie es ist, wenn einen die Liebe wie ein Blitz trifft. Und sie lernt, dass man manchmal handeln muss, um das Glück festzuhalten. (Aus Amazon)



Richard Ford, Zwischen ihnen

Das Buch, das aus zwei verschiedenen Teilen besteht, beschreibt das Leben von Edna und Parker im Midwest und in den Südstaaten der USA in den 1930er und 1940er Jahren. Wie in anderen Büchern von Richard Ford von seinen Eltern und ihr Leben in einem weiten, scheinbar grenzenlosen Land.

Neben seiner Schreibweise, die angenehm zu lesen ist, würde ich die Bedeutung die Familie, Ehe und Kinder für den Autor haben, unterstreichen.

Was andere dazu meinen:

Mit siebzehn verliebt sich Edna Akin aus Arkansas in Parker Ford, einen Jungen vom Land mit den durchscheinend hellblauen Ford-Augen. Sie heiraten und beginnen ein Nomadenleben in den Südstaaten der USA – Parker arbeitet als Handlungsreisender. Die 30er Jahre ziehen vorbei wie ein langes Wochenende, ungezählte Meilen, Cocktails, Hotelzimmer: New Orleans, Texarcana, Memphis. Die Geborgenheit, die es in ihrer Welt, dem Amerika der frühen Ford-Romane, nicht gibt, finden sie beieinander. Dann kommt ein einziges spätes Kind zur Welt – und alles ändert sich. „Zwischen ihnen“ ist Richard Fords intimstes Buch: ein literarisches Memoir über seine Eltern und ein atmosphärisches Porträt des Lebens in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts.
(Amazon)

Siegfried Lenz, Der Überläufer

Siegfried Lenz braucht keine Einführung. Viele seiner Bücher haben nichts an Aktualität verloren, obwohl seine Schreibart und die Inszenierung seiner Erzählungen in heute polnisch verwalteten Landstrichen bei den jüngeren Generationen etwas fremd wirkt.

Dieses Buch ist sehr spät erschienen, obwohl es sich um eins der ersten Werke von Siegfried Lenz handelt. Wie andere Werke Lenz ist es eigentlich ein Anti-Krieg-Buch. Das langsame Erzähltempo, die Beschreibung der Landschaften und die betont realistischen Gespräche sind typisch für Lenz.

Was andere dazu meinen:

›Der Überläufer‹ ist Siegfried Lenz‘ zweiter Roman, geschrieben 1951. Obgleich vollendet und vom Autor mehrfach überarbeitet, blieb er bis 2016 unveröffentlicht. Zur Zeit seiner Entstehung wurde er vom Verlag aus politischen Gründen abgelehnt. Ein Überläufer zu den Sowjets als Romanheld war im Kalten Krieg nicht opportun. Eine großartige Entdeckung, ein beeindruckender Roman über den ewigen Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen.

Husch Josten, Land sehen

Husch Josten ist Journalistin und Schriftstellerin aus Köln. Sie hat verschiedene Bücher geschrieben und wurde für manche Preise nominiert.

Land sehen ist eine interessante Erzählung um einen Literaturprofessor, der in Bonn ein ruhiges Leben führt, und seinen Patenonkel Georg, der in einem unerwarteten Anruf ihm eröffnet, er sei jetzt Benediktiner, folgt den Lehren der Piusbruderschaft und wird am Wiederaufbau eines Klosters an der Rur, direkt an der belgischen Grenze, mitarbeiten. In einer lebendigen, eher journalistisch geprägten Erzählung, wird ein Stück deutscher Geschichte zusammen mit der innerlichen Auseinandersetzung eines Professors um den Glauben erzählt. Das Kloster existiert wirklich und hat für Kontroverse im Bistum Aachen gesorgt.

Was andere dazu meinen:

Klug, lakonisch, mitreißend verwebt Husch Josten in »Land sehen« die ungeheure Geschichte einer Familie mit der spannenden Frage, wie viel Glauben wir uns erlauben wollen.

»Eine unglaubliche Geschichte über Gehorsam und Geheimnis, Schuld und Erschütterung, Ordnung und Chaos. Ein Roman zum Niederknien.«
Christiane Florin, Deutschlandfunk

»Nach diesem Roman hadert man – hocherfreut – mit seinem Unglauben und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.«
Bettina Böttinger, WDR

Fernando Aramburu, Patria

Fernando Aramburu, baskischer Schriftsteller, lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Neben seiner Arbeit als Sprachlehrer hat er immer wieder Bücher und Artikel geschrieben. Patria ist offenbar ein Buch, das er schon lange schreiben wollte. Es geht um die ETA, eine terroristische Organisation, die für eine Unabhängigkeit des Baskenlandes von Spanien kämpft, manchmal auch gegen den Willen der Basken.

Zwei befreundete Familien leben in einer kleinen Stadt unweit von San Sebastian. Die Männer fühlen sich sehr verbunden und die Frauen helfen sich gegenseitig, bis die Stimmung im Baskenland kippt, als die ETA zu einer bewaffneten Auseinandersetzung gegen die „Besetzer“ aus Spanien ruft. Das Buch besteht aus vielen kleinen Kapiteln, nicht chronologisch geschrieben, die als Pinselstriche die Verhärtung der Fronten und die Politisierung der Beziehungen in der Gesellschaft bis zum Unerträglichen beschreibt.

Was andere dazu meinen:

«Patria» heißt Vaterland, Heimat. Aber was ist Heimat? Die beiden Frauen und ihre Familie, um die es in Fernando Aramburus von der Kritik gefeierten und mit den größten spanischen Literaturpreisen ausgezeichneten Roman geht, sehen ihre Heimat mit verschiedenen Augen.

Bittori sitzt am Grab ihres Mannes Txato, der vor über zwanzig Jahren von Terroristen erschossen wurde. Sie erzählt ihm, dass sie beschlossen hat, in das Haus, in dem sie wohnten, zurückzukehren. Denn sie will herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, und wieder unter denen leben, die einst schweigend zugesehen hatten, wie ihre Familie ausgegrenzt wurde. Das Auftauchen von Bittori beendet schlagartig die vermeintliche Ruhe im Dorf. Vor allem die Nachbarin Miren, damals ihre beste Freundin, heute Mutter eines Sohnes, der als Terrorist in Haft sitzt, zeigt sich alarmiert. Dass Mirens Sohn etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat, ist Bittoris schlimmste Befürchtung. Die beiden Frauen gehen sich aus dem Weg, doch irgendwann lässt sich die lange erwartete Begegnung nicht mehr vermeiden…

Ein internationaler Bestseller, ein epochemachender Roman über Schuld und Vergebung, Freundschaft und Liebe, der zeigt, wie Terrorismus den inneren Kern einer Gemeinschaft angreift und wie lange es dauert, bis die Menschen wieder zueinander finden.

Kyung-Sook Shin, Als Mutter verschwand

Eine einfache Frau aus Korea reist mit ihrem alkoholisierten Mann und ihren vier kindern nach Seoul. Sie kann weder lesen noch schreiben. Als sie in die überfüllte U-Bahn steigen verlieren die anderen Familienmitglieder sie aus den Augen. Und sie bleibt spurlos verschwunden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser. Dabei wird sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war – und vor allem, wer sie eigentlich war.

Überraschende Erzählung, mit sehr viel Feingefühl geschrieben, wo die Bedeutung der Familie und vor allem der Liebe zum Vorschein kommt.

Was andere dazu meinen:

Sie wollte nur ihre erwachsenen Kinder in Seoul besuchen. Aber als sie mit ihrem Mann am Hauptbahnhof in die überfüllte U-Bahn steigen will, passiert es: Mutter geht in der Menschenmenge verloren. Und sie bleibt spurlos verschwunden, obwohl die Familie natürlich alles tut, um sie zu finden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser.  Dabei wird sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war – und vor allem, wer sie eigentlich war. Ein hinreißender, anrührender, ganz und gar ungewöhnlicher Roman über Mütter und Kinder, über die Verwerfungen zwischen den Generationen und über die alles überbrückende Kraft der Liebe.
(medimops)

Harper Lee, Wer die Nachtigall stört

Klassisches Buch über Rassentrennung und Gerechtigkeit im „Süden“ der USA. Die Autorin, Harper Lee, war Journalistin und mit Truman Capote befreundet. Nach der erfolgreichen Veröffentlichung entstand ein Disput über die Mitarbeit von Capote in diesem Werk.

Das Buch wurde vor allem durch die Verfilmung in den 60 Jahren bekannt. Das Thema hat nichts von seiner Aktualität verloren, und erfuhr vor wenigen Jahren durch das Erscheinen eines zweiten Buches der Autorin (siehe Bücherkoffer 2018) eine interessante Wende. Dennoch bleiben die Figuren, vor allem die junge Scout und ihr Vater Atticus unvergesslich.

Was andere dazu meinen:

Wie Mark Twain beschwört Harper Lee den Zauber und die versponnene Poesie einer Kindheit im tiefen Süden der Vereinigten Staaten. Die Geschwister Scout und Jem wachsen in einer Welt von Konflikten zu tolerant denkenden Menschen heran. Menschliche Güte und stiller Humor zeichnen diesen Roman aus, der sich, in 25 Sprachen übersetzt, im Sturm die Herzen von Millionen Lesern eroberte. Die Verfilmung mit Gregory Peck wurde mit drei Oscars ausgezeichnet.

Ian McEwan, Kindeswohl

Das Spezialgebiet von Fiona Maye, Familienrichterin in London, sind komplexe Entscheidungen über Sorgerecht, Scheidungen und Anwendung der englischen Gesetzgebung, die das Wohl des Kindes als Hauptkriterium für die Entscheidung in Streitfragen vorschreibt.

In ihrer kinderlosen Ehe fühlt sie sich gut aufgehoben und merkt nicht, wie das Paar im Laufe der Jahre sich auseinander gelebt hat. Eines Tages wird ihr ein Fall vorgelegt, wo es wörtlich um Leben und Tod geht, und wo die Entscheidung vom Glauben der Eltern, die Zeugen Jehovas sind, anhängt. Zugleich präsentiert ihr ihr Mann einen unerhörten Vorschlag. Das Buch stellt gleichzeitig den Leser vor der Entscheidung: muss man dem eigenen Gewissen immer folgen, selbst wenn die Folgen tödlich sein können?

Was andere dazu meinen:

Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls – das ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye. In ihrer eigenen, kinderlosen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Bis zu dem Tag, als ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag unterbreitet und ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt wird, in dem es für einen 17-jährigen Jungen um Leben und Tod geht.

Shüsaku Endo, Schweigen

Dieses beeindruckende Buch erzählt die Geschichte eines Jesuiten, der nach den ersten Verfolgungen und dem Verbot des Christentums in Japan versucht, in das Land einzudringen und Kontakt zu den dort im Untergrund lebenden Katholiken aufzunehmen. Dabei taucht er ein in eine ungeahnte Welt wo ihm Glaube und Hass, Tapferkeit und Feigheit, Naivität und Altklugheit begegnen. Immer wieder fragt er sich, wie kann es sein, dass Gott ihn scheinbar in seiner Unentschlossenheit verlassen hat.

Im Unterschied zum Film von Scorsese, der auf diesem Buch basiert, geht die Erzählung Endos sehr tief in die Seele des Protagonisten ein und formuliert die entscheidenden Fragen, die die zugegebenermaßen eindrucksvollen Bilder des Regisseurs nicht formulieren können.

Was andere dazu meinen:

Schweigen ist der wichtigste Roman des gefeierten japanischen Autors Shusaku Endo. Er verursachte nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1966 eine große Kontroverse in Japan. Shusaku Endo, ein japanischer Katholik, erzählt die Geschichte zweier portugiesischer Missionare, die im siebzehnten Jahrhundert in Japan versuchen, die dortige unterdrückte christliche Bewegung zu unterstützen.
1638 bricht Pater Sebastião Rodrigues nach Japan auf, um der Wahrheit hinter den undenkbaren Gerüchten, dass sein berühmter Lehrer Ferreira seinem Glauben abgeschworen habe, nachzugehen. Nach seiner Ankunft erlebt er die brutale und unmenschliche Verfolgung der Christen. Angesichts der Ereignisse in einer Gesellschaft, die keine Toleranz kennt und in der der Tod an der Tagesordung ist, stellt der Autor die immerwährende Frage: Wie kann Gott zu all dem schweigen?
(Amazon)

Stefan Zweig, Angst

Ich versuche, jährlich mindestens einen Roman oder eine Novelle von Stefan Zweig zu lesen, nach meiner Ansicht einer der besten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts. Es lohnt sich immer wieder, etwa hundert Jahre in die Vergangenheit zu tauchen um zutiefst menschliche Situationen, Gedanken und Gefühle zu entdecken, selbst wenn den Werken Zweigs immer einen Anflug Traurigkeit anhaftet.

Angst ist eine Meistererzählung von Stefan Zweig über Liebe, Ehe, Verrat und Reue. Eine wohlhabende Frau, die in Wien wohnt, bringt sich selbst, teilweise aus Langeweile, in eine verzweifelte Situation, aus der sie keinen Ausweg sieht.

Was andere dazu meinen:

Angst ist eine Novelle von Stefan Zweig, die 1910 in Wien geschrieben wurde und die Gefühle und Ängste einer Ehebrecherin zeigt. Der Handlungsablauf von Zweigs Novelle ist denkbar simpel, und doch vermag es der Autor seine Leser von Anfang an das Buch zu fesseln, sie durch seine einmalige Suggestivkraft die seelischen Qualen der Protagonistin hautnah miterleben zu lassen. Als wohlhabende Ehefrau eines renommierten Anwalts und Mutter von zwei wunderbaren Kinder führt Irene ein beinahe beneidenswertes Leben. Von der Monotonie ihres Alltags gelangweilt, flüchtet sie in ein bedeutungsloses Liebesabenteuer, das jedoch schon bald Ihr ganzes Dasein radikal verändern soll.