Archiv der Kategorie: Kriegsromane

Walter Kempowski, Alles umsonst

Walter Kempowski zählt zu den besten deutschen Schriftstellern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neben mehreren historischen Romanen ist sein ehrgeizigstes Projekt „Das Echolot“. Es handelt sich dabei um zehn Bände mit privaten Originaldokumenten aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs, darunter Briefe, Notizen, Tagebücher und Kleinpublikationen. Ähnlich wie bei einem Echolot sollen die gesammelten Aufzeichnungen ein Bild der deutschen Gesellschaft jener Zeit vermitteln.

Kempowski wurde im Alter von 15 Jahren als Helfer zum Kriegsdienst einberufen. Nach Kriegsende wurde er bei einem Besuch seiner Mutter in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik festgenommen, vor Gericht gestellt und als Spion des Westens zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er verbüßte acht Jahre seiner Strafe in einem politischen Gefängnis.

In „Alles umsonst“ erzählt er in Romanform von den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in einer fiktiven Stadt in Ostpreußen, das heute auf Polen, Russland und andere Länder aufgeteilt ist. Auf einem Gut in der Nähe der Stadt lebt die Familie von Globig. Der Ehemann, ein Soldat, befindet sich in Italien und die Frau lebt mit ihrem Sohn Peter, einer entfernten Tante sowie weiteren Personen – teils Angestellte, teils Flüchtlinge – zusammen. Angesichts des bevorstehenden Vormarschs der Russen, die sich hinter der polnischen Grenze befinden, kommen zahlreiche Flüchtlinge im Haus vorbei. Die Partei ordnet an, dass die Familie sie beherbergen muss. Sie bringen ihre eigene Sicht auf die Situation und die Zukunft ein.

Die bedrückende Präsenz des NS-Regimes, die herrschende Unsicherheit und der strenge Winter 1944/45 verleihen der Erzählung zwangsläufig einen negativen Unterton, was sich bereits im Titel des Romans widerspiegelt. Dieser stammt von einem berühmten Satz Luthers und dient als Einleitung zum Werk. Er besagt, dass nur der Glaube und die Gnade die Kraft haben, uns zu verbessern und uns Vergebung zu verschaffen, während all unsere Bemühungen vergeblich sind, so sehr wir uns auch anstrengen mögen.

Es ist ein harter Roman, der mit Feinsinn und Meisterschaft die Stimmung einer ganzen Nation nach dem Zusammenbruch einer Ideologie widerspiegelt, die innerhalb weniger Jahre die ganze Welt auf den Kriegsfuß stellte und den Tod von Millionen Menschen verursachte. Als kein Zweifel mehr daran besteht, dass das Hakenkreuz-Ideal besiegt werden wird, sehen sich Anhänger und Gegner gezwungen, sich der neuen Situation zu stellen: der inneren Bedrohung durch die politischen Strukturen der Nazis und der äußeren durch die Armeen der Alliierten, vor allem die der Russen.

Zu den Errungenschaften des Romans gehört die psychologische Beschreibung der Hauptfiguren, darunter aufgrund seiner Naivität auch die des Protagonisten des letzten Teils, Peter, ein zwölfjähriger Junge.

Die Meinung der anderen:

„Dieses Buch zeigt, dass Literatur etwas kann, was Historiker nicht vermögen.“ Andreas Isenschmid, Neue Zürcher Zeitung
„Walter Kempowski hat ein weiteres Mal das fast Unmögliche, das fast nie Gelingende geleistet: einen vollkommen überzeugenden historischen Roman.“ Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung

Jon Krakauer, Auf den Feldern der Ehre: Die Tragödie des Soldaten Pat Tillman

Der Journalist, Bergsteiger und Schriftsteller Jon Krakauer wurde durch zwei investigative Bücher berühmt: „In die Wildnis” und „Die Todeszone”. In beiden Fällen wagte er es, eine eigene, teilweise aus erster Hand stammende Version tragischer Ereignisse zu veröffentlichen, die in den Medien ausführlich behandelt worden waren: die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen gesamten Besitz verkaufte, um ein Abenteuer im Norden des amerikanischen Kontinents zu beginnen, das mit seinem Tod endete, sowie der Bericht über eine kommerzielle Expedition zum Everest, die aufgrund einer Reihe von Fehlentscheidungen zum Tod mehrerer Bergsteiger und Bergführer führte. Es folgten ein Buch über religiösen Fundamentalismus mit Schwerpunkt auf den Mormonen sowie dieses Buch.

Der Titel enthält ein Zitat aus der Ilias und bezieht sich auf den Kampf als Lobpreisung des Kriegers. Pat Tillman war ein American-Football-Spieler mit einer vielversprechenden Zukunft, der sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entschloss, sich den US-Streitkräften anzuschließen. Sowohl auf dem Footballfeld als auch in der Armee zeichnete sich Tillman durch sein Engagement, seine Belastbarkeit, seine Kameradschaft und seinen positiven Geist aus – selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen.

Nachdem er im Irak gekämpft hatte, wurde er als Obergefreiter einer Ranger-Kompanie nach Afghanistan versetzt. Dort kam er ums Leben – wie sich später herausstellte – durch Friendly Fire. Wie so oft bei kriegerischen Ereignissen war sein Tod die tragische Folge einer Reihe von Fehlentscheidungen, regelwidrigen Entscheidungen und der Unerfahrenheit einiger Kämpfer sowie der besonderen Umstände des Guerillakampfes im Süden Afghanistans.
Was danach geschah und die Leser und den Autor während des größten Teils des Buches beschäftigt, sind die Versuche, die Wahrheit zu verschleiern und Tillmans Tod für politische oder propagandistische Zwecke zu instrumentalisieren und die tatsächlich Verantwortlichen von ihrer Schuld freizusprechen.

Wie bei Krakauers anderen Büchern führt die Fülle an Seiten und Informationen automatisch dazu, dass die Lesenden eine bestimmte Position einnehmen. Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, dass diese Position richtig ist, aber das kann in Wirklichkeit niemand überprüfen. Der Verlust oder die vorsätzliche Vernichtung von Beweismitteln, die Beseitigung oder Verschleierung von Mitteilungen, E-Mails und Dokumenten sowie der enorme Einfluss der „Befehlskette” auf die Ermittlungen machen es unmöglich, zu einer unumstößlichen Schlussfolgerung zu gelangen.
Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen. Es zeigt, wie einige oder vielleicht sogar alle Regierungen mit Informationen umgehen, die ihren eigenen Interessen zuwiderlaufen. Ist das ein Grund, das Vertrauen in unsere Systeme zu verlieren – egal, ob demokratisch oder nicht? Diese Antwort muss jeder für sich selbst finden.

Alles Licht, das wir nicht sehen, Anthony Doerr

Es ist nicht einfach, zwischen einem fast 600 Seiten starken Buch und einer Netflix-Fernsehserie zu wählen. Da ich die Serie nicht gesehen habe, zögere ich nicht, mich für das Buch zu entscheiden, das ich gelesen und – manchmal gleichzeitig – in einer hervorragenden Hörbuchlesung gehört habe.
„Alles Licht, das wir nicht sehen” ist ein erstaunlich schöner Roman mit zwei Hauptfiguren und zahlreichen Nebenfiguren, die als Hauptfiguren anderer Erzählungen nicht zu übertreffen wären.

Maria Laure ist ein blindes französisches Mädchen. Ihr Vater, Schlosser und Sicherheitsleiter in einem Pariser Naturkundemuseum, hat ihr beigebracht, sich im richtigen Leben mithilfe von Modellen der Umgebung ihres Hauses zurechtzufinden. Als die deutschen Truppen 1940 in Paris einmarschieren, machen sich Vater und Tochter auf den Weg in den Westen Frankreich, nach Saint Malo. Im Gepäck haben sie einen einzigartigen Diamanten, um den sich eine unheimliche Legende rankt. Zur gleichen Zeit hören Werner Pfennig und seine Schwester Jutta nachts in einem Bergbaugebiet bei Essen französische Erzählungen von einem Kurzwellensender, die ihre Abenteuerlust wecken. Werners Begabung für Physik und Mathematik verschafft ihm die Aufnahme in eine der angesehenen nationalpolitischen Bildungsstätten, die sogenannte Napola, in der die künftigen Eliten des Nationalsozialismus herangebildet werden sollen.

Radiosendungen und Bücher von Jules Verne und Melville sowie der Diamant und seine Nachbildungen führen die beiden Protagonisten unaufhaltsam zu einer kurzen Begegnung, die den Fluch des Edelsteins auf gewisse Weise bestätigt.

Markus Zusak, Die Bücherdiebin

Der Autor dieses Buches ist Australier, Sohn eines Deutschen und einer Österreicherin. Im Buch verarbeitet er die Erzählungen seiner Eltern, die während des Krieges in München wohnten und erst 1950 nach Australien auswanderten. Das Buch wird oft als Jugendliteratur vermarktet, ist aber ein ernster Roman über Leben und Tod.

Aus der Thalia-Werbung: „Molching bei München. Hans und Rosa Hubermann nehmen die kleine Liesel Meminger bei sich auf – für eine bescheidene Beihilfe, die ihnen die ersten Kriegsjahre kaum erträglicher macht. Für Liesel jedoch bricht eine Zeit voller Hoffnung, voll schieren Glücks an – in dem Augenblick, als sie zu stehlen beginnt. Anfangs ist es nur ein Buch, das im Schnee liegen geblieben ist. Dann eines, das sie aus dem Feuer rettet. Eine Diebin zu beherbergen, wäre halb so wild, sind die Zeiten doch ohnehin barbarischer denn je. Doch eines Tages betritt ein jüdischer Faustkämpfer die Küche der Hubermanns …» Die Bücherdiebin« erzählt von kleinen Freuden, großen Tragödien und der ungeheuren Macht der Worte. Eine der dunkelsten und doch charmantesten Stimmen und eine der nachhaltigsten Geschichten, die wir in letzter Zeit gehört haben.

Es ist nicht einfach ein weiteres Buch über das Dritte Reich. Es ist vielmehr eine Hommage an die Opfer, an die unschuldigen Zeitzeugen und an alle Menschen, die diese barbarische Zeit miterlebt haben. Die Hauptrolle am Anfang und am Ende des Buches spielt der „Erzähler“, der Tod, der in dieser Zeit besonders viel zu tun hatte.

Die Meinung der anderen:

„Eindeutig Weltliteratur.“ (Ostsee Zeitung)
„Dies ist eines jener Bücher, die Leben verändern können, weil es Hoffnung vermittelt, ohne je die tiefe Unmoral und Willkür der Zeit zu leugnen.“ (New York Times)“
„Die Bücherdiebin« ist die Geschichte einer Jugend im Dritten Reich, erzählt von einem unglaublich sympathischen Tod, mit prallen Figuren, dramatisch, tragisch und streckenweise komisch.“ (BR)

Blut und Feuer, Manuel Chaves Nogales

Der Untertitel dieses Werkes aus dem Jahre 1947 lautet „Helden, Bestien und Märtyrer im Spanischen Bürgerkrieg“. Es handelt sich nicht um eine Geschichte des Bürgerkrieges, obwohl alle Erzählungen einen historischen Hintergrund haben, eher um einen Versuch, das Unerklärliche dieses Krieges durch das Leben einzelner Personen verständlicher zu machen.

Manuel Chaves Nogales war ein spanischer Journalist und Schriftsteller, der in den 20er und den 30er Jahren des XX Jahrhunderts großen Ruhm erlang. Er war Chefredakteur in der Tageszeitung Ahora und war ein Anhänger der spanischen Republik. Nach Beginn des Spanischen Bürgerkrieges musste er Spanien verlassen und lebte in Paris und in London im Exil. In England schrieb er diese Sammlung von neun Kurzgeschichten, die vor kurzem neu aufgelegt wurden. Seine Schriften gelten heute als wichtige Quelle, um die Geschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit neu zu interpretieren.

Alle Erzählungen sind bezeichnend für die Zeit des Krieges in Spanien und zeigen, dass einfache Erklärungen — gute und böse Kämpfer, Roten und Nationalen, Faschisten und Kommunisten — nicht ausreichen, um einen Konflikt auszuleuchten, der immer noch tiefe Spuren im Bewusstsein und in der politischen Haltung vieler Spanier hinterlassen hat.

Die Meinung der anderen:

Chaves Nogales verteidigte die Sache der Demokratie mit einer Hingabe, der nur die von George Orwell noch gleich kommt.“ (Antonio Muñoz Molina)

Joel Dicker, Die letzten Tage unserer Väter

Joel Dicker, geboren in Genf (Schweiz), ist trotz seiner Jugend einer der erfolgreichsten Schriftsteller Europas. Viele seiner Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und erreichten die Spitze der Verkaufscharts. Ich habe eine persönliche Meinung zu seinen Werken, die im Allgemeinen positiv ist, aber mit Einschränkungen. Vor allem finde ich seine Thriller zu „künstlich“, mit einer Handlung, die mit dem Leser spielt und ihn verwirrt, um ihn daran zu hindern, das Rätsel selbst zu lösen. Dies ist in einigen seiner Romane deutlicher als in anderen.

Vor seinem Durchbruch mit Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert hatte Dicker bereits zwei Werke geschrieben: Der Tiger, der bei einem Schulwettbewerb abgelehnt wurde, weil man die Erzählung für einen so jungen Autor für zu anspruchsvoll hielt, und Die letzten Tage unserer Väter, der zunächst von vielen Verlagen abgelehnt wurde, bevor er schließlich einen lokalen Preis in Genf gewann.

Die Handlung: Auf Initiative von Churchill wird 1940 ein Sondereinsatzkommando SOE gegründet, das sich aus jungen Leuten aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern zusammensetzt, um die deutsche Militärmacht von innen heraus durch Sabotage, schwarze Propaganda, Desinformation und sogar direkte Kriegsführung zu bekämpfen, teilweise in Zusammenarbeit mit dem Widerstand in diesen Ländern. Der Roman zeigt und begleitet eine Gruppe von Franzosen, die in ihrem Land rekrutiert und zur Ausbildung nach London geschickt werden. Einige Figuren sind unvergesslich, wie (um ihre Kampfnamen zu verwenden) Pal, Gros, Cucu oder Laura. Andere sind weniger gelungen.

Bei allem Respekt für den Autor, den Übersetzer und die vielen Dicker-Fans: Ich finde den Roman unausgereift. Das Buch ist gut recherchiert und der Autor gibt sich Mühe, die verschiedenen Figuren zu charakterisieren, aber er überzeugt mich nicht ganz. Möglicherweise sehen andere Leser das anders. Auf jeden Fall kann man in diesem Buch schon die Qualitäten erkennen, die den Autor auf die Bestsellerlisten gebracht haben.

Ulla Lenze, Der Empfänger

Ein auf wahren Begebenheiten beruhender Roman über einen Spionagering, der vor dem Ausbruch und während des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten operierte. Die Hauptfigur, Josef oder Joe Klein, war schon lange vorher nach Amerika ausgereist und arbeitete in New York als Hilfsarbeiter in einer Druckerei, als Hitler in Deutschland an die Macht kam. Ein Netzwerk von Spionen nahm Kontakt zu Joe auf, der ein Niederfrequenzradio gebaut hatte, mit dem er verschlüsselte Nachrichten nach Deutschland senden konnte. Anfangs dachte Joe, er würde einer Handelsfirma bei ihren Aktivitäten unterstützen. Als er merkte, dass er manipuliert worden war, wandte sich an das FBI. Nach Kriegsende wurde er nach Deutschland deportiert, wo er einige Zeit mit seinem Bruder lebte, bevor er das Land in Richtung Argentinien verließ und versuchte, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren.

Der Roman erzählt zwei parallele Handlungsstränge, von denen der eine 1939 in New York und der andere 1949 in Neuss spielt. Es ist schwer einzuschätzen, welche Auswirkungen seine Aktivitäten auf den Kriegsverlauf hatten, aber man kann davon ausgehen, dass diese nicht sehr groß waren. Im Buch werden andere Versuche von Spionage und Sabotage erwähnt, wie das Netzwerk Duquesne oder die Landung eines U-Bootes in der Nähe von New York.

Was die anderen dazu meinen:

Ein leiser, überzeugender Roman über Verantwortung und Mitläufertum. Bücher Magazin

»Ulla Lenze verknüpft meisterhaft Familiengeschichte und historischen Stoff, schreibt brillant, lakonisch, zugleich mitreißend über einen freundlichen Mann, der sich schuldig macht, weil er sich wegduckt.« WDR, Claudia Kuhland

Ivan Sciapeconi, Die Kinder des Don Arrigo

Die Shoah ist und bleibt eine unerschöpfliche Quelle von Themen und Handlungen für die Literatur. Zu Recht, wie ich zu sagen wage, ohne die anderen Katastrophen zu vergessen, an denen die jüngere Geschichte, insbesondere das 20. und der Beginn des 21. Jahrhunderts, besonders reich ist.

Das Buch von Ivan Sciapeconi, Grundschullehrer und Autor von Kinder- und Jugendbüchern, hat das besondere Etwas von den Werken, die auf wahren Ereignissen beruhen. Aus der Perspektive des fiktiven jüdischen Jungen Natan aus Berlin, schildert es die Odyssee einer Gruppe von Juden, vor allem Kindern, die aus Deutschland mit Hilfe eines Netzwerks von Freiwilligen fliehen, die unter Einsatz ihres Lebens nach Wegen suchen, diese Flüchtlinge nach Eretz Israel, also nach Palästina, zu bringen, wo der Staat Israel noch nicht offiziell existiert. Der Weg führt erstmal über Österreich und das ehemalige Jugoslawien nach Italien. Kurz nach ihrer Ankunft in Nonantola, in der Nähe von Modena, finden sie Unterkunft in der Villa Emma, einem Herrenhaus am Rande des Dorfes, wo sie von den neugierigen Bewohnern, allen voran dem Arzt und dem katholischen Pfarrer Don Arrigo, aufgenommen wurden. Bald wird ihnen klar, dass ihre Lage alles andere als sicher ist: Die amerikanischen Truppen sind auf dem Vormarsch durch Italien, die Deutschen halten das nach dem Rücktritt Mussolinis und der Flucht des Königs kopflose Italien besetzt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die SS sie aufspürt und in eines der Todeslager deportiert.

Das Buch ist in einem einfachen Ton geschrieben, der ein wenig die Mentalität des jungen Natan widerspiegeln soll, der nach und nach vom Verlust seiner ganzen Familie erfährt: zuerst seines Vaters, dann seiner Mutter, seines Bruders und schließlich auch seines Onkels. In seinen Träumen erscheinen ihm oft die Mitglieder seiner Familie, jedes mit seinen eigenen Merkmalen. Die Figuren der Helfer, wie der Pfarrer und der Arzt, sind etwas verschwommen, entweder aus Mangel an Daten oder aus Respekt vor realen historischen Figuren. Dennoch wird die Haltung der Einwohner von Nonantola auf den Seiten des Buches deutlich. Es ist keine angenehme Lektüre, da das Thema dies nicht zulässt, aber es fängt die Situation der Flüchtlinge gut ein, ein Thema, das heute noch so aktuell ist. Empfehlenswert.

Die Meinung der anderen:

»Die Shoah gehört wohl zu den in der Literatur am meisten behandelten Themen, und doch schafft es der Protagonist, Leserinnen und Leser zu überraschen und mitzureißen.« Elle
»Der Roman wurde gegen das Vergessen geschrieben und um die Erinnerung an diejenigen zu ehren, die  im Zweiten Weltkrieg Menschen gerettet haben.« Gazzeta di Modena
»Mitreißend und bewegend – eine Hommage an die kleinen Protagonisten des Romans, an ihre Begleiter und natürlich an Nonantola, das Dorf, in dem die Kinder versteckt wurden.« Il Piccolo

Philipp Claudel, Die grauen Seelen

Der Große Krieg, der Erste Weltkrieg, bleibt eine Quelle für Literatur, Film und Kunst im Allgemeinen und hat das Leben und das Schicksal von Völkern und Individuen sowohl in Frankreich als auch in Deutschland für immer geprägt. Die endlosen und absurden Grabenkämpfe, deren einziges Ziel es war, die Kriegsfähigkeit des Gegners zu untergraben, kosteten Millionen junger Männer und Erwachsener das Leben, ohne ihnen etwas zu bringen. Dieser Roman von Philippe Claudel spiegelt, obwohl er mehr als acht Jahrzehnte später geschrieben wurde, die Atmosphäre jener Jahre und die Spuren, die sie bei den Protagonisten, den Zeitzeugen und den wenigen, die sich dem Wahnsinn entziehen konnten oder wollten, hinterlassen hat.

Schauplatz ist eine kleine Stadt, nur wenige Kilometer von der Front entfernt, getrennt durch einen Hügel, der die Sicht, nicht aber den Lärm des Krieges verdeckt. Diese Stadt führt ein Eigenleben, das natürlich von den an die Front marschierenden Truppenkolonnen, den zurückkehrenden Leichenkolonnen und den Kolonnen der Verwundeten und Verstümmelten unterbrochen wird. Die Hauptfiguren sind der Reporter, ein ängstlicher Polizist, ein Richter, der sich außerhalb von Gut und Böse wähnt, ein strenger, verwitweter Staatsanwalt, der in einer großen Villa lebt, und ein Lehrer, der in das Dorf kommt, um einen vom Krieg verrückt gewordenen Lehrer zu ersetzen. Der „Fall“, der all diese Personen beschäftigt, ist der Mord an einer jungen Frau, genannt Belle de Jour, die von einem Kanal erdrosselt wurde. In einem zurückhaltenden Stil, der der traurigen und hoffnungslosen Atmosphäre der geschilderten Ereignisse und Personen entspricht, führt der Autor den Leser an der Hand des Erzählers durch die verschiedenen Verdachtsmomente einer Untersuchung, die eigentlich niemanden interessiert. Die Charakterisierung der Personen, sei es vor den Ereignissen, an ihrer Hand oder im Nachhinein, wie im Fall des Lehrers, ist vorbildlich. Die sorgfältige und prägnante Sprache nimmt die Inszenierung eines Films vorweg, der nicht weit verbreitet war.

Ich halte den Roman für ausgezeichnet.

Was andere dazu meinen:

Ein Dorf im Osten Frankreichs, Winter 1917. Die Front ist nah, doch alles geht seinen gewohnten Gang. Bis eines Tages die zehnjährige Tochter des Gastwirtes ermordet wird. Der Gendarm versucht, Licht in das Dunkel zu bringen. Doch erst viele Jahre später gelingt es ihm, die Geschichte zu erzählen, zusammen mit allen anderen Geschichten, die untrennbar mit ihr verbunden sind.

«Dunkel, geheimnisvoll, atemberaubend, spannend, dabei von bestechender sprachlicher Eleganz.» (Elke Heidenreich in «Lesen»)

«Wie Philippe Claudel die Seelen entblößt, hat mir den Atem genommen.» (Petra Hammesfahr)

«Wie Philippe Claudel die ‚grauen Seelen’ der Menschen im Schatten des Kriegsmassakers ausleuchtet, wie er Menschen und Landschaften hintuscht und am Ende eine Pointe setzt, mit der auch erfahrene Krimileser nicht rechnen können – das macht dieses leise Buch zu einem, das noch lange nachklingt.» (Stern)

«Dieser Roman fesselt von der ersten Seite an.» (FAZ)

«Dieses Buch rumort weiter, wenn man es längst aus der Hand gelegt hat. Es ist tief, fesselnd und geheimnisvoll.» (Focus)

Fabio Geda, Im Meer schwimmen Krokodile

Kurze Erzählung einer wahren Begebenheit. Enaiatollah, ein junger Afghane vom Stamm der Hazzara, wird von seiner Mutter auf den gefährlichen Weg über Pakistan, Indien, Iran und die Türkei nach Europa geschickt.

Das Buch erzählt ganz ohne Schmuck aus der Perspektive des Kindes, das schreckliche und lebensbedrohliche Situationen erlebt.

Was andere dazu meinen:

Die wahre Geschichte eines afghanischen Flüchtlingskindes, die uns den Glauben an das Gute zurückgibt

Als der 10-jährige Enaiat eines Morgens erwacht, ist er allein. Er hat nichts als die Erinnerungen an seine Familie und drei Versprechen, die er seiner Mutter noch am Abend zuvor gegeben hat. Auf der Suche nach einem besseren Leben begibt er sich auf eine jahrelange Odyssee durch viele Länder, immer Richtung Europa. Er reist auf Lastwagen, muss hart arbeiten, lernt das Leben von seiner grausamen Seite kennen. Und trotzdem bleibt er voller Zuversicht, denn er hat den unerschütterlichen Willen, das Glück zu finden

Die erweiterte Neuausgabe enthält ein exklusives Interview mit Fabio Geda und dem (inzwischen über 30jährigen) Enaiatollah Akbari, Hintergrundinformationen über die Erfolgsgeschichte des Buches sowie Anregungen für Diskussionen im Schulunterricht oder in Lesekreisen.
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