Archiv der Kategorie: Zeugnisse

David Foster Wallace, Das hier ist Wasser

David Foster Wallace war eine eigenwillige und äußerst interessante Persönlichkeit und Autor – zumindest für diejenigen, die nach neuen Blickwinkeln auf aktuelle Situationen und Probleme suchen. In seinem kurzen Leben – er nahm sich im Alter von nur 46 Jahren das Leben, nachdem er viele Jahre unter Depressionen gelitten hatte – verfasste er einige Romane und zahlreiche Essays, in denen er einen kritischen und ironischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft wirft und gleichzeitig seine eigene Sichtweise und Ironie hinterfragt.

Das vorliegende Werk ist eine Festrede, die er wenige Jahre vor seinem Tod anlässlich einer Abschlussfeier hielt. In dieser ermutigt er die neuen Absolventen, ihre Freiheit zu nutzen, um aus ihrer eigenen Hülle und ihrem Selbstmitleid herauszukommen. Es ist eine Art Kurs in praktischer Philosophie und ein Selbsthilferatschlag, um die Welt in ihrer wahren Dimension zu sehen. Hervorragend und ein Ansporn, weitere Werke desselben Autors zu lesen.

Die Meinung der anderen:

Diese zweisprachige Ausgabe präsentiert die Rede in ihrer Originalfassung und in deutscher Übersetzung. Das hier ist Wasser ist ein unverzichtbares Geschenk für alle Hochschulabsolventen und ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte. (Amazon)

Jon Krakauer, Auf den Feldern der Ehre: Die Tragödie des Soldaten Pat Tillman

Der Journalist, Bergsteiger und Schriftsteller Jon Krakauer wurde durch zwei investigative Bücher berühmt: „In die Wildnis” und „Die Todeszone”. In beiden Fällen wagte er es, eine eigene, teilweise aus erster Hand stammende Version tragischer Ereignisse zu veröffentlichen, die in den Medien ausführlich behandelt worden waren: die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen gesamten Besitz verkaufte, um ein Abenteuer im Norden des amerikanischen Kontinents zu beginnen, das mit seinem Tod endete, sowie der Bericht über eine kommerzielle Expedition zum Everest, die aufgrund einer Reihe von Fehlentscheidungen zum Tod mehrerer Bergsteiger und Bergführer führte. Es folgten ein Buch über religiösen Fundamentalismus mit Schwerpunkt auf den Mormonen sowie dieses Buch.

Der Titel enthält ein Zitat aus der Ilias und bezieht sich auf den Kampf als Lobpreisung des Kriegers. Pat Tillman war ein American-Football-Spieler mit einer vielversprechenden Zukunft, der sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entschloss, sich den US-Streitkräften anzuschließen. Sowohl auf dem Footballfeld als auch in der Armee zeichnete sich Tillman durch sein Engagement, seine Belastbarkeit, seine Kameradschaft und seinen positiven Geist aus – selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen.

Nachdem er im Irak gekämpft hatte, wurde er als Obergefreiter einer Ranger-Kompanie nach Afghanistan versetzt. Dort kam er ums Leben – wie sich später herausstellte – durch Friendly Fire. Wie so oft bei kriegerischen Ereignissen war sein Tod die tragische Folge einer Reihe von Fehlentscheidungen, regelwidrigen Entscheidungen und der Unerfahrenheit einiger Kämpfer sowie der besonderen Umstände des Guerillakampfes im Süden Afghanistans.
Was danach geschah und die Leser und den Autor während des größten Teils des Buches beschäftigt, sind die Versuche, die Wahrheit zu verschleiern und Tillmans Tod für politische oder propagandistische Zwecke zu instrumentalisieren und die tatsächlich Verantwortlichen von ihrer Schuld freizusprechen.

Wie bei Krakauers anderen Büchern führt die Fülle an Seiten und Informationen automatisch dazu, dass die Lesenden eine bestimmte Position einnehmen. Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, dass diese Position richtig ist, aber das kann in Wirklichkeit niemand überprüfen. Der Verlust oder die vorsätzliche Vernichtung von Beweismitteln, die Beseitigung oder Verschleierung von Mitteilungen, E-Mails und Dokumenten sowie der enorme Einfluss der „Befehlskette” auf die Ermittlungen machen es unmöglich, zu einer unumstößlichen Schlussfolgerung zu gelangen.
Trotzdem lohnt es sich, das Buch zu lesen. Es zeigt, wie einige oder vielleicht sogar alle Regierungen mit Informationen umgehen, die ihren eigenen Interessen zuwiderlaufen. Ist das ein Grund, das Vertrauen in unsere Systeme zu verlieren – egal, ob demokratisch oder nicht? Diese Antwort muss jeder für sich selbst finden.

Delphine de Vigan, Tage ohne Hunger

Der erste Roman der französischen Schriftstellerin erschien im Jahr 2001. Er enthält teilweise autobiografische Elemente, weshalb er unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde. Die Geschichte handelt von Magersucht, einer Krankheit, die zur Selbstzerstörung der Betroffenen führt. Die junge Frau in den Zwanzigern namens Laure hat komplizierte familiäre Verhältnisse und hat sich schließlich dazu entschieden, sich in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Sie wird auf einer Station für Patienten mit Essstörungen untergebracht. Neben anderen Magersüchtigen gibt es auch Bulimie-Patienten. Die Behandlung ist langwierig und schmerzhaft und trotz der Erfahrung und positiven sowie engagierten Einstellung der Stationsleiterin nicht immer von Erfolg gekrönt.
Laures Gedanken, die sie teilweise in einem Tagebuch festhält, sowie die Schwierigkeiten, die sie bei der Umerziehung ihres Körpers nach langer Nahrungsverweigerung und bei der Überwindung der Tendenz, sich vor dem wirklichen Leben zu verstecken, hat, werden auf eindringliche Weise beschrieben.
Der Roman spiegelt bereits den direkten und rohen Stil anderer Romane desselben Autors wider. Er wagt es, schwierige Themen zu behandeln, ohne in Klischees zu verfallen, und entlastet den Leser nicht von dem, was es bedeutet, sich einer tragischen oder verzweifelten Situation gegenüberzusehen.

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Die Meinung der anderen:

»Delphine de Vigan zu lesen erweitert immer den Horizont, in diesem Fall ganz besonders.«
Gabi Rudolph, FASTFORWARD-MAGAZIN

»Eine ganz außergewöhnliche und wertvolle Heilungsgeschichte, die unter die Haut geht und nicht nur Betroffenen Mut zum Leben vermittelt.«
Winfried Stanzick, EBOOK.DE

Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin

Dieses Büchlein aus dem Jahre 1936 trägt den vieldeutigen Untertitel „Ein Gewissen gegen die Gewalt“. Es handelt sich nicht um einen Roman, sondern um eine historische Monographie. Der Autor verschlüsselt darin seine Wahrnehmung des Nationalsozialismus und übt damit zugleich eine deutliche Kritik am Totalitarismus der NSDAP drei Jahre nach deren Machtergreifung.

Zweig schildert kurz das Leben des Humanisten Sebastian Castellio und des „Genfer Diktators“ Calvin und stellt die Gegensätzlichkeit der beiden Männer dar, die er intellektuell als gleichwertig ansieht. Zweig stellt nie die Legitimität der Reformation in Frage, betont aber die Position Castellios als liberaler Reformator gegenüber dem „orthodoxen“ Reformator und genialen Organisator Calvin.

Wie in anderen Büchern Zweigs aus dieser Zeit, vor allem Triumph und Tragödie des Erasmus von Rotterdam (1934), richtet sich Zweigs Botschaft entschieden gegen Intoleranz und menschenfeindliche Ideologien. Gemeint war neben dem Nationalsozialismus auch der kommunistische Totalitarismus unter der eisernen Faust Josef Stalins.

Es wäre aber nicht ein Buch von Stefan Zweig, wenn es nicht auch interessante Parallelen gäbe. So ist Miguel Servet, ein Opfer der Genfer Gerichte, eine Art Don Quichotte, der Unnachgiebigkeit mit Realitätsverweigerung verband. Nach Servets Tod schrieb Castellio seine Kampfschrift De haeriticis, deren Druck von der Zensur verhindert wurde, und wandte sich offen gegen einige Lehren Calvins.

Für Zweig war Castellio ein Verfechter der religiösen Toleranz. Im Vorwort gibt der Autor seinem Buch auch eine sehr politische Dimension: „Diese immer wieder notwendige Abgrenzung zwischen Freiheit und Autorität bleibt keinem Volk, keiner Zeit und keinem denkenden Menschen erspart: denn Freiheit ist nicht möglich ohne Autorität (sonst wird sie zum Chaos) und Autorität nicht ohne Freiheit (sonst wird sie zur Tyrannei)“.

Veit Lindau, Dr. Ruediger Dahlke, et al., Human Angels

Ein solches Buch braucht keine Vorstellung. Genauso wenig seine Protagonisten. Dennoch erlaube ich mir, einige Meinungen zu zitieren:

»Dieses Buch berührt das Herz und öffnet den Geist. Persönlich betroffene Familienangehörige berichten von ihren Erfahrungen mit geistig und/oder körperlich gehandicapten Kindern. Wir nennen diese auf ihre Weise besonderen Menschen menschliche Engel, weil sie uns, wenn wir uns von ihnen führen lassen, an DAS große, unbekannte Mysterium jenseits unserer kleinen Konzepte von richtig und falsch erinnern. In dem wir uns ihnen hingeben, wird unsere Liebe zu einem Feuer, in dem das kleine Ich stirbt. Übrig bleibt nicht Nichts, sondern Alles.« (Amazon)

»Meine Arbeit als Autor beglückt mich seit einigen Jahren sehr und lehrt mich auch immer wieder wichtige Dinge. Zum Beispiel, dass du dich für manche Bücher selbst entscheiden kannst und andere dich auswählen. So verhält es sich mit diesem Buch.« (Veit Lindau)

»Schaue ich hin? Schaue ich weg? Gehe ich weiter? Spreche ich an? Stelle ich meine Fragen?«

»Wenn Liebe menschlich wird, dann sollte man das weiter tragen. Das hat/haben Veit und Andrea Lindau mit ihrem Projekt realisiert. In diesem Buch, das ich locker 10 Mal zu Weihnachten verschenkt habe, befinden sich Erfahrungsberichte (oder Liebesbriefe) über menschliche Engel. Das Buch ist voller Emotionen und es rückt die Welt ein großes Stück gerade. Es ist auch optisch wirklich wunderschön.« (Kundenrezension bei Amazon)

Ivan Sciapeconi, Die Kinder des Don Arrigo

Die Shoah ist und bleibt eine unerschöpfliche Quelle von Themen und Handlungen für die Literatur. Zu Recht, wie ich zu sagen wage, ohne die anderen Katastrophen zu vergessen, an denen die jüngere Geschichte, insbesondere das 20. und der Beginn des 21. Jahrhunderts, besonders reich ist.

Das Buch von Ivan Sciapeconi, Grundschullehrer und Autor von Kinder- und Jugendbüchern, hat das besondere Etwas von den Werken, die auf wahren Ereignissen beruhen. Aus der Perspektive des fiktiven jüdischen Jungen Natan aus Berlin, schildert es die Odyssee einer Gruppe von Juden, vor allem Kindern, die aus Deutschland mit Hilfe eines Netzwerks von Freiwilligen fliehen, die unter Einsatz ihres Lebens nach Wegen suchen, diese Flüchtlinge nach Eretz Israel, also nach Palästina, zu bringen, wo der Staat Israel noch nicht offiziell existiert. Der Weg führt erstmal über Österreich und das ehemalige Jugoslawien nach Italien. Kurz nach ihrer Ankunft in Nonantola, in der Nähe von Modena, finden sie Unterkunft in der Villa Emma, einem Herrenhaus am Rande des Dorfes, wo sie von den neugierigen Bewohnern, allen voran dem Arzt und dem katholischen Pfarrer Don Arrigo, aufgenommen wurden. Bald wird ihnen klar, dass ihre Lage alles andere als sicher ist: Die amerikanischen Truppen sind auf dem Vormarsch durch Italien, die Deutschen halten das nach dem Rücktritt Mussolinis und der Flucht des Königs kopflose Italien besetzt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die SS sie aufspürt und in eines der Todeslager deportiert.

Das Buch ist in einem einfachen Ton geschrieben, der ein wenig die Mentalität des jungen Natan widerspiegeln soll, der nach und nach vom Verlust seiner ganzen Familie erfährt: zuerst seines Vaters, dann seiner Mutter, seines Bruders und schließlich auch seines Onkels. In seinen Träumen erscheinen ihm oft die Mitglieder seiner Familie, jedes mit seinen eigenen Merkmalen. Die Figuren der Helfer, wie der Pfarrer und der Arzt, sind etwas verschwommen, entweder aus Mangel an Daten oder aus Respekt vor realen historischen Figuren. Dennoch wird die Haltung der Einwohner von Nonantola auf den Seiten des Buches deutlich. Es ist keine angenehme Lektüre, da das Thema dies nicht zulässt, aber es fängt die Situation der Flüchtlinge gut ein, ein Thema, das heute noch so aktuell ist. Empfehlenswert.

Die Meinung der anderen:

»Die Shoah gehört wohl zu den in der Literatur am meisten behandelten Themen, und doch schafft es der Protagonist, Leserinnen und Leser zu überraschen und mitzureißen.« Elle
»Der Roman wurde gegen das Vergessen geschrieben und um die Erinnerung an diejenigen zu ehren, die  im Zweiten Weltkrieg Menschen gerettet haben.« Gazzeta di Modena
»Mitreißend und bewegend – eine Hommage an die kleinen Protagonisten des Romans, an ihre Begleiter und natürlich an Nonantola, das Dorf, in dem die Kinder versteckt wurden.« Il Piccolo

Patrick Modiano, Dora Bruder

Diese Erzählung, die von vielen Kritikern als eines der besten Werke Modianos angesehen wird, ist eine Sammlung von Nachforschungen, Erinnerungen und Reflexionen des Autors über das kurze Leben eines jüdischen Mädchens namens Dora Bruder, die sich auf zwei Dokumente stützen: eine Zeitungsanzeige, in der um Hilfe bei der Suche nach einem 15-jährigen Mädchen gebeten wird, das Ende 1941 in Paris verschwunden ist, und eine Liste der Deportierten aus dem Konzentrationslager Drancy in das Vernichtungslager Auschwitz neun Monate später, auf der ihr Name zusammen mit dem ihres Vaters erscheint. Modianos dokumentarische Quellen sind Polizei- und Verwaltungsakten aus dieser dunklen Zeit, soweit sie verfügbar sind.

Er sammelte auch Informationen aus Interviews mit möglichen Zeugen. Aber die Erzählung stützt sich vor allem auf die Straßen der Pariser Viertel, in denen dieses junge Pariser Mädchen geboren wurde, lebte und nach Freiheit strebte, nur weil ihre Eltern Juden waren.

Was macht die Lektüre dieses kurzen Werkes so anziehend und fesselnd? Neben dem tragischen Schicksal der Protagonistin und vieler Millionen ihrer Zeitgenossen ist es wohl Modianos Erzählstil, der außerordentlich präzise und zugleich intim ist, indem er eigene und fremde Erinnerungen in einem einzigen Erzählstrang zusammenführt. Der Autor wurde im Juli 1945 geboren, kurz nach der deutschen Kapitulation, und doch projiziert er sich selbst in den Fluss der Erinnerungen und Erfahrungen seiner Figuren. Ich kann die Lektüre dieses kurzen Buches nur empfehlen.

Was die anderen dazu meinen:

„Mein Lieblingsbuch von Modiano: Dora Bruder. Die höchste Form der Vergangenheitsrekonstruktion mit einer unglaublichen Verbindung in die Pariser Topografie … Eine sehr anrührende Geschichte.“ Tilmann Krause, Deutschlandfunk, 21.09.15

„Modianos schönstes, bewegendstes Buch bleibt wohl ‚Dora Bruder‘, die Spurensuche nach einem in Auschwitz ermordeten jüdischen Mädchen, von dem der Autor zunächst nicht mehr hat als eine alte Zeitungsanzeige. Sechs Jahre lang hat er für dieses Werk recherchiert – und er schafft das Kunststück, aus einer todtraurigen Geschichte einen schwebenden Text zu machen.“ Manfred Papst, NZZ am Sonntag, 12.10.14

Paola Peretti, In der Nacht höre ich die Sterne

Mafalda ist ein junges Mädchen. Kurz vor ihrem zehnten Geburtstag wird bei ihr die Stargardt-Krankheit diagnostiziert, die in wenigen Monaten zur Blindheit führt.
Mafalda merkt, wie nach und nach die Dunkelheit ihre Augen erobert: Jedes Mal sind wenige die Schritte und kleiner die Entfernung, aus der sie einen Kirschbaum in der Schule sehen kann, und weniger die Sterne, die sie im wolkenfreien Himmel zählen kann. Die Autorin, Paola Peretti, leider selbst an dieser Krankheit. Die Erzählung aus der Sicht eines zehnjährigen Menschen erinnert zeitweise an Saint-Exupéry.

Was andere dazu meinen:

140 Schritte bis zur Nacht

140 Schritte: So viele trennen Mafalda noch von dem Tag, an dem es vollkommen dunkel um sie herum sein wird. Als das Mädchen vor drei Jahren erfuhr, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmt, flüchtete es auf den Kirschbaum im Schulhof. Dank der neuen Hausmeisterin fand es wieder zurück auf den Boden der Realität. Seitdem wird Mafalda von Estella morgens mit einem Pfiff begrüßt, sobald sie in die Straße zur Schule einbiegt. Anfangs kann sie von dort aus den Kirschbaum noch sehen. Doch mit jeder Woche werden es weniger Schritte. Tapfer geht sie ihrem Schicksal entgegen − unmerklich geleitet von Estella, die ihr zeigt, dass das Wesentliche im Leben für die Augen unsichtbar ist.

Tara Westover, Befreit

Dieses Buch erzählt in erster Person die Kindheit von Tara Westover, Tochter eines fundamentalistischen Mormonen und seiner Frau, Hebamme und Kräuterheilerin, aus Idaho in den USA. Bei ihrer Geburt wurde Tara nicht behördlich registriert, hat nie eine Schule besucht und lebte viele Jahre unter dem Joch seines Vaters, der eine baldige Apokalypse erwartete und sein Leben und das Leben seiner Kinder darauf richtete. Irgendwann entscheidet Tara, sich von der Familie zu lösen, was ein Weg der Einsamkeit aber auch der Befreiung war.

Wie andere „Aussteigerbücher“ spiegelt diese Erzählung den Weg der Autorin wieder. Situationsbeschreibungen, Meinungen und Haltungen sind bei anderen Erzählungen und von Gerichtsverhandlungen bestätigt. Aber vor allem haben sie die unbestreitbare Kraft eines persönlichen Zeugnisses.

Was andere dazu meinen:

Von den Bergen Idahos nach Cambridge – der unwahrscheinliche »Bildungsweg« der Tara Westover, eine wahre und universelle Geschichte.

Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betritt. Zehn Jahre später kann sie eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen. Aufgewachsen im ländlichen Amerika, befreit sie sich aus einer ärmlichen, archaischen und von Paranoia und Gewalt geprägten Welt durch – Bildung, durch die Aneignung von Wissen, das ihr so lange vorenthalten worden war.

Die Berge Idahos sind Taras Heimat, sie lebt als Kind im Einklang mit der grandiosen Natur, mit dem Wechsel der Jahreszeiten – und mit den Gesetzen, die ihr Vater aufstellt. Er ist ein fundamentalistischer Mormone, vom baldigen Ende der Welt überzeugt und voller Misstrauen gegenüber dem Staat, von dem er sich verfolgt sieht. Tara und ihre Geschwister gehen nicht zur Schule, sie haben keine Geburtsurkunden, und ein Arzt wird selbst bei fürchterlichsten Verletzungen nicht gerufen. Und die kommen häufig vor, denn die Kinder müssen bei der schweren Arbeit auf Vaters Schrottplatz helfen, um über die Runden zu kommen. Taras Mutter, die einzige Hebamme in der Gegend, heilt die Wunden mit ihren Kräutern. Nichts ist dieser Welt ferner als Bildung. Und doch findet Tara die Kraft, sich auf die Aufnahmeprüfung fürs College vorzubereiten, auch wenn sie quasi bei null anfangen muss.

Wie Tara Westover sich aus dieser Welt befreit, überhaupt erst einmal ein Bewusstsein von sich selbst entwickelt, um den schmerzhaften Abnabelungsprozess von ihrer Familie bewältigen zu können, das beschreibt sie in diesem ergreifenden und wunderbar poetischen Buch.

Fabian Sixtus Körner, Mit anderen Augen

Wie reagiert ein erfolgreicher Schriftsteller, der Bücher über Reisen und Kontinente schreibt, auf die Nachricht, dass seine Tochter ein Chromosom zu viel an der 21. Stelle hat?
Diese Erzählung öffnet nicht nur dem Autor die Augen, sondern auch und besonders die Leser.

Was andere dazu meinen:

Als Fabian Sixtus Körner seine Tochter im Kreißsaal zum ersten Mal im Arm hält, ist er irritiert. Ihre Augen sind leicht schräg gestellt, und ihr Blick ist merkwürdig unverwandt. Er spürt, dass seine Tochter anders ist. Kurz darauf muss Yanti auf die Intensivstation – es folgen Wochen des Wartens zwischen Angst und Hoffnung. Die nur halb ausgefüllte Geburtskarte über Yantis Brutkasten wird zum Symbol der Ungewissheit: Was bedeutet der medizinische Code »Q90« für ein kleines Kind und seine Eltern? Das Ende der Freiheit, die Fabian so liebte?

Fabian Körner erzählt, was die Intensivstation für Neugeborene und ein Transitraum gemeinsam haben, wie sich sein Blick auf die Menschen und die Welt verändert hat, und warum das Reisen mit Kind und Kegel zu den schönsten Erfahrungen des Lebens zählt.
(medimops)