Dieser Roman von Henry James erschien erstmals 1881 in Buchform und war nach seiner Veröffentlichung recht erfolgreich, obwohl James ihn offenbar nicht zu seinen besten Werken zählte. Fast anderthalb Jahrhunderte nach seiner Entstehung steht er in deutlichem Kontrast zu den heutigen Vorlieben und Gepflogenheiten. Dies liegt nicht nur an seinem linearen Erzählstil mit kleinen Anspielungen an die Leserschaft und einer Erklärung für den Tempowechsel am Ende des Werks, sondern auch an der Wahl des Themas. Wie in anderen Werken James’ geht es um den Konflikt zwischen Werten und Gefühlen, zwischen Freiheit und Konventionen. Subtil und treffend beschreibt er den Charakter der Protagonistin.
Catherine ist die junge und reiche Erbin von Austin Sloper, einem renommierten New Yorker Arzt, der ein elegantes Haus neben dem Washington Square und dem gleichnamigen Park baut. Catherine ist nicht besonders hübsch und eher zurückhaltend. Umso überraschender ist für den Leser das Interesse eines gutaussehenden und vielversprechenden jungen Mannes, der nicht nur das Mädchen verliebt macht, sondern auch das Misstrauen ihres Vaters weckt. Hinter der eleganten Maske und den vornehmen Manieren des Verehrers erkennt er den Frauenhelden.
Der Roman zeichnet ein klares Bild von Catherines Charakter, hebt die Einmischungen ihres Vaters und seiner beiden Schwestern, von denen eine ebenfalls im Haus am Washington Square wohnt, hervor, lässt aber die Absichten des gutaussehenden Verehrers, von dem man nur wenig weiß, im Dunkeln.
Der Roman liest sich gut, auch wenn man sich an seinen Rhythmus gewöhnen muss. Die Prosa von James und ihre Übersetzung sind angenehm linear, ohne die verschachtelten Sätze, die später typisch für James‘ Werke werden.
Der Roman wurde zweimal verfilmt, mit mehr oder weniger großer Treue zur Originalgeschichte. Ich kann die Lektüre empfehlen, schon allein, um sich in diese Epoche der Literatur, die Ära der Fortsetzungsromane, einzulesen.
