Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne

Der Roman beginnt in einem Spielzeuggeschäft, in dem solarbetriebene Androiden in Kindergestalt – sogenannte „künstliche Freunde“ (KF) – zum Verkauf angeboten werden. Klara ist eine solche. In der geschilderten dystopischen Zukunft – irgendwann in den USA – werden Kinder genetisch verändert und wachsen in sozialer Isolation von ihren Altersgenossen auf. Die KFs dienen ihnen als Gefährten. Klara beobachtet als Erzählerin des Romans das Leben der Menschen, versucht sich so manches zu erklären und hofft, bald von einem Kind als neue Freundin ausgewählt zu werden. Als sich ihr Wunsch endlich erfüllt und ein Mädchen sie mit nach Hause nimmt, beginnen die Probleme, Enttäuschungen, Fragen …

Kazuo Ishiguro (*1954 in Nagasaki) ist ein britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. In vielen seiner Romane behandelt er das Eingeschlossensein in Rollen, Situationen, ja im Menschsein. Bei der Verleihung des Nobelpreises 2017 wurde er als Schriftsteller gelobt, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. So schon in seinem berühmtesten Roman Was vom Tage übrigblieb (1989) oder auch in Alles was wir geben mussten (2005). Beide Bücher wurden auch verfilmt.

In Klara und die Sonne, das stellenweise ein bisschen wie ein Kinder- oder Jugendbuch rüberkommt, ist dieser Abgrund erst mit der Zeit spürbar, wenn mit der Akzeptanz des Roboters Klara als Gefährtin eines kranken Kindes langsam die wirkliche Problematik entwickelt wird. Ein sehr stilles Buch, das erst in der zweiten Hälfte ein wenig Fahrt aufnimmt. Für mich liegen die absoluten Stärken in der Schilderung des „Innenlebens“, der Gedanken und Reflexionen der KI über das Phänomen Mensch in all seinen Facetten. Dabei fand ich sehr positiv, dass der Autor offensichtlich nicht die Künstliche Intelligenz oder die aus ihr folgende Technik für gefährlich hält, sondern den Menschen in seinem Umgang damit.

Was die anderen dazu meinen:

„Es geht um nicht weniger als um die Frage, ob der Mensch einzigartig ist – und um die Angst davor, er könnte es nicht sein. Kann eine solche „künstliche Freundin“, das menschliche Wesen in vollem Umfang simulieren?“ (Die Zeit online)

„Easy reading auf hohem Niveau“ (Die Tageszeitung)

Ein Gedanke zu „Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne

  1. Javier

    Ich erlaube mir, die Besprechung auf meinem Blog libros.canals. de zu diesem Buch als Ergänzung hier zu übersetzen:
    Kazuo Ishiguro, Literaturnobelpreisträger 2017, hat mit zwei seiner Romane, „Was vom Tage übrig blieb“ und „Alles bei wir geben mussten“, und deren Verfilmungen Leser und Kinogänger auf der ganzen Welt begeistert. Wie so oft sind in beiden Fällen die Romane viel besser als die Filme. In seinem neuen Werk kehrt Ishiguro zu dem dystopischen Science-Fiction-Setting zurück, das er in „Alles bei wir geben mussten“ entworfen hat. Damals ging es um das Klonen zum Zwecke des Organersatzes, und eine grundlegende Frage war, ob Klone eine „Seele“ haben, verstanden in einem allgemeinen, nicht unbedingt religiösen Sinne. „Klara und die Sonne“ nimmt die künstliche Intelligenz ins Visier und entwirft ein dystopisches Szenario in einer Zeit nach der gegenwärtigen Begeisterung für nichtmenschliche „bewusste Intelligenzen“.
    Clara ist eine künstliche Freundin, die als Begleiterin für Teenager geschaffen wurde. Der Autor wagt es, sie zur Erzählerin zu machen und die „Realität“ zu beschreiben, die sie aufgrund ihrer Programmierung, ihrer späteren Lernprozesse und ihrer Erfahrungen wahrnimmt. Von ihrem Spielzeugladen aus, in dem sie auf potentielle Käufer wartet, beobachtet Clara die Außenwelt und diskutiert ihre manchmal erstaunlich kindlichen Schlussfolgerungen mit anderen Androiden. Ein offensichtlich krankes Mädchen namens Jossie überredet ihre Mutter, sie zu kaufen und übernimmt die Pflege. Von diesem Punkt an werden die Konflikte der Gesellschaft, die Ishiguro beschreibt, angedeutet: genetische Verbesserungen, weit verbreitete Arbeitslosigkeit, die mit sozialer Unordnung einhergeht, verschiedene Klassen und sektenartige Gemeinschaften in einer offensichtlich angespannten Gesellschaft und mittendrin eine künstliche Freundin, die eine überraschende Einstellung zur Sonne und ihrer Macht entwickelt.
    Der Autor wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Das kann als Einladung zur Diskussion oder zum Nachdenken verstanden werden, vermittelt aber trotz der perfekten Technik den Eindruck eines unvollständigen Romans. Ein interessantes Buch.

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