Julian Barnes, Das Stachelschwein

Julian Barnes schrieb dieses Buch 1992, also wenige Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Der ehemalige Dirigent eines nicht näher genannten Landes (eigentlich Bulgarien) wird vor Gericht gestellt, und der Sohn eines früheren Kammeraden des Kommunisten als Staatsanwalt bestimmt, da alle anderen dieses Amt abgelehnt haben. Der Diktator ist seiner Sache erstaunlich sicher, was er ohne jede Spur von Reue deutlich zum Ausdruck bringt.

Im Buch werden die Gespräche von beiden ungleichen Partnern geschildert und damit die Schwierigkeiten unterstrichen, die die Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten nach dem Zusammenbruch einer linken Diktatur mit sich gebracht hätte.

Was andere dazu meinen:

Dreuunddreißig Jahre lang hat Stojo Petkanow als Staatsoberhaupt und Chef der Kommunistischen Partei geherrscht, war er Held der Arbeit und Führer des antifaschistischen Widerstands. Jetzt wird ihm der Prozess gemacht. Die Anklage lautet auf Diebstahl, Veruntreuung öffentlicher Gelder, Korruption, Beihilfe zum Mord, Verletzung der Menschenrechte und und und …

Woher nimmt sein Ankläger – von Petkanow noch eingesetzt – seine Legitimation? Was geschieht, wenn Beweise fehlen, aber ein Schuldspruch gebraucht wird? Ist ein Stalinist selbst schuld, wenn Methoden eines stalinistischen Schauprozesses auf ihn angewandt werden? Wo bleibt die gepriesene demokratische Erneuerung?

Am Beispiele eines fiktiven osteuropäischen Staates spielt Julian Barnes die politischen Veränderungen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks durch. Ein spannender Politroman, eine scharfsinnige Satire.

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