Archiv für den Tag: 13. Januar 2023

Jean-Paul Didierlaurent, Der Unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky

Ambroise ist Thanatopraktiker, also Einbalsamierer bei einer Beerdigungsanstalt. Manelle pflegt ältere Menschen in ihren Haushalten. Ein Patient von Manelle, Samuel, erkrankt schwer und entscheidet, in die Schweiz zu fahren, weil dort die Euthanasie erlaubt ist. Er beauftragt die Firma, in der Ambroise arbeitet, ihn dorthin zu begleiten. Ambroise nimmt den Auftrag an, aber Manelle ist nicht ohne weiteres bereit, seinen Patienten in den Freitod ziehen zu lassen.

Der Autor beschreibt mit Feingefühl und Humor die Reaktionen und Haltungen der Protagonisten und die Beziehungen untereinander in dieser unerhörten Situation.

Was andere dazu meinen:

Ambroise Lanier, Ende zwanzig, hat seine Berufung gefunden: Er möchte dem Menschen seine Würde bewahren und arbeitet darum als Leichenpräparator. Auch Manelle Flandin liegt die Würde ihrer Mitmenschen am Herzen. Rührend kümmert sich die junge Angestellte eines ambulanten Pflegedienstes um Senioren. Vermutlich hätten sich die Wege der beiden nie gekreuzt, wäre da nicht Samuel Dinsky: Als der 82-Jährige eine niederschmetternde Diagnose erhält, will er eine letzte Reise unternehmen. Zusammen mit Manelle und Ambroise. Durch einen wundersamen Zufall wird es eine Reise zurück ins pralle Leben.
(Amazon)

Julian Barnes, Das Stachelschwein

Julian Barnes schrieb dieses Buch 1992, also wenige Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Der ehemalige Dirigent eines nicht näher genannten Landes (eigentlich Bulgarien) wird vor Gericht gestellt, und der Sohn eines früheren Kammeraden des Kommunisten als Staatsanwalt bestimmt, da alle anderen dieses Amt abgelehnt haben. Der Diktator ist seiner Sache erstaunlich sicher, was er ohne jede Spur von Reue deutlich zum Ausdruck bringt.

Im Buch werden die Gespräche von beiden ungleichen Partnern geschildert und damit die Schwierigkeiten unterstrichen, die die Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten nach dem Zusammenbruch einer linken Diktatur mit sich gebracht hätte.

Was andere dazu meinen:

Dreuunddreißig Jahre lang hat Stojo Petkanow als Staatsoberhaupt und Chef der Kommunistischen Partei geherrscht, war er Held der Arbeit und Führer des antifaschistischen Widerstands. Jetzt wird ihm der Prozess gemacht. Die Anklage lautet auf Diebstahl, Veruntreuung öffentlicher Gelder, Korruption, Beihilfe zum Mord, Verletzung der Menschenrechte und und und …

Woher nimmt sein Ankläger – von Petkanow noch eingesetzt – seine Legitimation? Was geschieht, wenn Beweise fehlen, aber ein Schuldspruch gebraucht wird? Ist ein Stalinist selbst schuld, wenn Methoden eines stalinistischen Schauprozesses auf ihn angewandt werden? Wo bleibt die gepriesene demokratische Erneuerung?

Am Beispiele eines fiktiven osteuropäischen Staates spielt Julian Barnes die politischen Veränderungen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks durch. Ein spannender Politroman, eine scharfsinnige Satire.

Ian McEwan, Saturday

Der britische Autor Ian McEwan ist in der Lage, den Leser von der ersten bis zur letzten Seite eines Buches mit scheinbar einfachen Mitteln zu fesseln, und gleichzeitig tiefreichende Themen in den Raum zu stellen.

Dieses Buch erzählt einen einzigen Tag des Lebens von Henry Perowne. Der erfolgreiche Chirurg, der sich auf einen freien Tag erfreut, erfährt eine Reihe von Ereignissen, die sein Leben und seine Einstellung entscheidend verändern.

Was andere dazu meinen:

Henry Perowne, 48, ist ein zufriedener Mann: erfolgreich als Neurochirurg, glücklich verheiratet, zwei begabte Kinder. Das einzige, was ihn leicht beunruhigt, ist der Zustand der Welt. Es ist Samstag, und er freut sich auf sein Squashspiel. Doch an diesem speziellen Samstag, dem 15. Februar 2003, ist nicht nur die größte Friedensdemonstration aller Zeiten in London. Perowne hat unversehens eine Begegnung, die ihm jeden Frieden raubt.

Tara Westover, Befreit

Dieses Buch erzählt in erster Person die Kindheit von Tara Westover, Tochter eines fundamentalistischen Mormonen und seiner Frau, Hebamme und Kräuterheilerin, aus Idaho in den USA. Bei ihrer Geburt wurde Tara nicht behördlich registriert, hat nie eine Schule besucht und lebte viele Jahre unter dem Joch seines Vaters, der eine baldige Apokalypse erwartete und sein Leben und das Leben seiner Kinder darauf richtete. Irgendwann entscheidet Tara, sich von der Familie zu lösen, was ein Weg der Einsamkeit aber auch der Befreiung war.

Wie andere „Aussteigerbücher“ spiegelt diese Erzählung den Weg der Autorin wieder. Situationsbeschreibungen, Meinungen und Haltungen sind bei anderen Erzählungen und von Gerichtsverhandlungen bestätigt. Aber vor allem haben sie die unbestreitbare Kraft eines persönlichen Zeugnisses.

Was andere dazu meinen:

Von den Bergen Idahos nach Cambridge – der unwahrscheinliche »Bildungsweg« der Tara Westover, eine wahre und universelle Geschichte.

Tara Westover ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal eine Schulklasse betritt. Zehn Jahre später kann sie eine beeindruckende akademische Laufbahn vorweisen. Aufgewachsen im ländlichen Amerika, befreit sie sich aus einer ärmlichen, archaischen und von Paranoia und Gewalt geprägten Welt durch – Bildung, durch die Aneignung von Wissen, das ihr so lange vorenthalten worden war.

Die Berge Idahos sind Taras Heimat, sie lebt als Kind im Einklang mit der grandiosen Natur, mit dem Wechsel der Jahreszeiten – und mit den Gesetzen, die ihr Vater aufstellt. Er ist ein fundamentalistischer Mormone, vom baldigen Ende der Welt überzeugt und voller Misstrauen gegenüber dem Staat, von dem er sich verfolgt sieht. Tara und ihre Geschwister gehen nicht zur Schule, sie haben keine Geburtsurkunden, und ein Arzt wird selbst bei fürchterlichsten Verletzungen nicht gerufen. Und die kommen häufig vor, denn die Kinder müssen bei der schweren Arbeit auf Vaters Schrottplatz helfen, um über die Runden zu kommen. Taras Mutter, die einzige Hebamme in der Gegend, heilt die Wunden mit ihren Kräutern. Nichts ist dieser Welt ferner als Bildung. Und doch findet Tara die Kraft, sich auf die Aufnahmeprüfung fürs College vorzubereiten, auch wenn sie quasi bei null anfangen muss.

Wie Tara Westover sich aus dieser Welt befreit, überhaupt erst einmal ein Bewusstsein von sich selbst entwickelt, um den schmerzhaften Abnabelungsprozess von ihrer Familie bewältigen zu können, das beschreibt sie in diesem ergreifenden und wunderbar poetischen Buch.

Alessandro D’Avenia, Die Welt ist eine Muschel

Alessandro D’Avenia ist ein besonderer Schriftsteller. Sein erklärtes Publikum sind Jugendliche, die er mit seinen optimistischen Erzählungen, sein Einfühlungsvermögen und seine expliziten oder impliziten Zitate für die Welt der Literatur gewinnen will. Hinzu kommen immer Elemente und Personen aus seiner Heimat Sizilien. Die Kombination ist sehr attraktiv, auch für Leser, die nicht zu seiner Zielgruppe gehören.

Eine romantische Erzählung über mehrere Generationen mit einem Happy End, gespickt allerdings von ironischen Anspielungen die, vermutlich, in der Originalsprache deutlich zum Vorschein kommen. Empfehlenswert.

Was andere dazu meinen:

Der Geruch des Meeres, die Gischt der Wellen, das gleißende Licht, das sich zwischen Horizont und Himmel sammelt und Margheritas klare grüne Augen tränen lässt: Ihren 14. Geburtstag verbringt sie mit ihrem Vater auf einem Segelboot. Es ist das Ende des Sommers und der Beginn einer neuen Zeit, denn bald fängt für Margherita das Jahr an der Oberschule an. Sie hat Angst, aber der Vater beruhigt sie – alles wird gutgehen. Doch nach diesem Sommer ist für Margherita nichts mehr so, wie es einmal war. Der Vater verlässt die Familie ohne Erklärung und lässt seine Tochter mit dem unaussprechlichen Gefühl der Trauer zurück, das sie in sich einschließt wie die Perle in einer Muschel. Doch sie erfährt auch, wie es ist, wenn einen die Liebe wie ein Blitz trifft. Und sie lernt, dass man manchmal handeln muss, um das Glück festzuhalten. (Aus Amazon)



Richard Ford, Zwischen ihnen

Das Buch, das aus zwei verschiedenen Teilen besteht, beschreibt das Leben von Edna und Parker im Midwest und in den Südstaaten der USA in den 1930er und 1940er Jahren. Wie in anderen Büchern von Richard Ford von seinen Eltern und ihr Leben in einem weiten, scheinbar grenzenlosen Land.

Neben seiner Schreibweise, die angenehm zu lesen ist, würde ich die Bedeutung die Familie, Ehe und Kinder für den Autor haben, unterstreichen.

Was andere dazu meinen:

Mit siebzehn verliebt sich Edna Akin aus Arkansas in Parker Ford, einen Jungen vom Land mit den durchscheinend hellblauen Ford-Augen. Sie heiraten und beginnen ein Nomadenleben in den Südstaaten der USA – Parker arbeitet als Handlungsreisender. Die 30er Jahre ziehen vorbei wie ein langes Wochenende, ungezählte Meilen, Cocktails, Hotelzimmer: New Orleans, Texarcana, Memphis. Die Geborgenheit, die es in ihrer Welt, dem Amerika der frühen Ford-Romane, nicht gibt, finden sie beieinander. Dann kommt ein einziges spätes Kind zur Welt – und alles ändert sich. „Zwischen ihnen“ ist Richard Fords intimstes Buch: ein literarisches Memoir über seine Eltern und ein atmosphärisches Porträt des Lebens in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts.
(Amazon)

Siegfried Lenz, Der Überläufer

Siegfried Lenz braucht keine Einführung. Viele seiner Bücher haben nichts an Aktualität verloren, obwohl seine Schreibart und die Inszenierung seiner Erzählungen in heute polnisch verwalteten Landstrichen bei den jüngeren Generationen etwas fremd wirkt.

Dieses Buch ist sehr spät erschienen, obwohl es sich um eins der ersten Werke von Siegfried Lenz handelt. Wie andere Werke Lenz ist es eigentlich ein Anti-Krieg-Buch. Das langsame Erzähltempo, die Beschreibung der Landschaften und die betont realistischen Gespräche sind typisch für Lenz.

Was andere dazu meinen:

›Der Überläufer‹ ist Siegfried Lenz‘ zweiter Roman, geschrieben 1951. Obgleich vollendet und vom Autor mehrfach überarbeitet, blieb er bis 2016 unveröffentlicht. Zur Zeit seiner Entstehung wurde er vom Verlag aus politischen Gründen abgelehnt. Ein Überläufer zu den Sowjets als Romanheld war im Kalten Krieg nicht opportun. Eine großartige Entdeckung, ein beeindruckender Roman über den ewigen Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen.

Husch Josten, Land sehen

Husch Josten ist Journalistin und Schriftstellerin aus Köln. Sie hat verschiedene Bücher geschrieben und wurde für manche Preise nominiert.

Land sehen ist eine interessante Erzählung um einen Literaturprofessor, der in Bonn ein ruhiges Leben führt, und seinen Patenonkel Georg, der in einem unerwarteten Anruf ihm eröffnet, er sei jetzt Benediktiner, folgt den Lehren der Piusbruderschaft und wird am Wiederaufbau eines Klosters an der Rur, direkt an der belgischen Grenze, mitarbeiten. In einer lebendigen, eher journalistisch geprägten Erzählung, wird ein Stück deutscher Geschichte zusammen mit der innerlichen Auseinandersetzung eines Professors um den Glauben erzählt. Das Kloster existiert wirklich und hat für Kontroverse im Bistum Aachen gesorgt.

Was andere dazu meinen:

Klug, lakonisch, mitreißend verwebt Husch Josten in »Land sehen« die ungeheure Geschichte einer Familie mit der spannenden Frage, wie viel Glauben wir uns erlauben wollen.

»Eine unglaubliche Geschichte über Gehorsam und Geheimnis, Schuld und Erschütterung, Ordnung und Chaos. Ein Roman zum Niederknien.«
Christiane Florin, Deutschlandfunk

»Nach diesem Roman hadert man – hocherfreut – mit seinem Unglauben und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.«
Bettina Böttinger, WDR

Fernando Aramburu, Patria

Fernando Aramburu, baskischer Schriftsteller, lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Neben seiner Arbeit als Sprachlehrer hat er immer wieder Bücher und Artikel geschrieben. Patria ist offenbar ein Buch, das er schon lange schreiben wollte. Es geht um die ETA, eine terroristische Organisation, die für eine Unabhängigkeit des Baskenlandes von Spanien kämpft, manchmal auch gegen den Willen der Basken.

Zwei befreundete Familien leben in einer kleinen Stadt unweit von San Sebastian. Die Männer fühlen sich sehr verbunden und die Frauen helfen sich gegenseitig, bis die Stimmung im Baskenland kippt, als die ETA zu einer bewaffneten Auseinandersetzung gegen die „Besetzer“ aus Spanien ruft. Das Buch besteht aus vielen kleinen Kapiteln, nicht chronologisch geschrieben, die als Pinselstriche die Verhärtung der Fronten und die Politisierung der Beziehungen in der Gesellschaft bis zum Unerträglichen beschreibt.

Was andere dazu meinen:

«Patria» heißt Vaterland, Heimat. Aber was ist Heimat? Die beiden Frauen und ihre Familie, um die es in Fernando Aramburus von der Kritik gefeierten und mit den größten spanischen Literaturpreisen ausgezeichneten Roman geht, sehen ihre Heimat mit verschiedenen Augen.

Bittori sitzt am Grab ihres Mannes Txato, der vor über zwanzig Jahren von Terroristen erschossen wurde. Sie erzählt ihm, dass sie beschlossen hat, in das Haus, in dem sie wohnten, zurückzukehren. Denn sie will herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, und wieder unter denen leben, die einst schweigend zugesehen hatten, wie ihre Familie ausgegrenzt wurde. Das Auftauchen von Bittori beendet schlagartig die vermeintliche Ruhe im Dorf. Vor allem die Nachbarin Miren, damals ihre beste Freundin, heute Mutter eines Sohnes, der als Terrorist in Haft sitzt, zeigt sich alarmiert. Dass Mirens Sohn etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat, ist Bittoris schlimmste Befürchtung. Die beiden Frauen gehen sich aus dem Weg, doch irgendwann lässt sich die lange erwartete Begegnung nicht mehr vermeiden…

Ein internationaler Bestseller, ein epochemachender Roman über Schuld und Vergebung, Freundschaft und Liebe, der zeigt, wie Terrorismus den inneren Kern einer Gemeinschaft angreift und wie lange es dauert, bis die Menschen wieder zueinander finden.

Kyung-Sook Shin, Als Mutter verschwand

Eine einfache Frau aus Korea reist mit ihrem alkoholisierten Mann und ihren vier kindern nach Seoul. Sie kann weder lesen noch schreiben. Als sie in die überfüllte U-Bahn steigen verlieren die anderen Familienmitglieder sie aus den Augen. Und sie bleibt spurlos verschwunden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser. Dabei wird sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war – und vor allem, wer sie eigentlich war.

Überraschende Erzählung, mit sehr viel Feingefühl geschrieben, wo die Bedeutung der Familie und vor allem der Liebe zum Vorschein kommt.

Was andere dazu meinen:

Sie wollte nur ihre erwachsenen Kinder in Seoul besuchen. Aber als sie mit ihrem Mann am Hauptbahnhof in die überfüllte U-Bahn steigen will, passiert es: Mutter geht in der Menschenmenge verloren. Und sie bleibt spurlos verschwunden, obwohl die Familie natürlich alles tut, um sie zu finden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser.  Dabei wird sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war – und vor allem, wer sie eigentlich war. Ein hinreißender, anrührender, ganz und gar ungewöhnlicher Roman über Mütter und Kinder, über die Verwerfungen zwischen den Generationen und über die alles überbrückende Kraft der Liebe.
(medimops)