Archiv für den Monat: Februar 2023

Daniel Silva, Der Hintermann

Dieser Roman von Daniel Silva nimmt in der Saga von Gabriel Allon eine Sonderstellung ein, sowohl wegen seiner Aktualität zum Zeitpunkt seines Erscheinens, kurz nach dem sogenannten Arabischen Frühling, als auch wegen seiner detaillierten Beschreibung einer komplexen Operation der Geheimdienste mehrerer Länder unter der Koordination der USA. Natürlich darf man nicht vergessen, dass es sich um einen Roman handelt, in dem Übertreibungen und Vereinfachungen erlaubt sind, und dass die Realität oft anders aussieht.

Gabriel Allon hat sich aus dem sogenannten „Dienst“, dem israelischen Auslandsgeheimdienst, zurückgezogen und lebt in Cornwall, wo er den Auftrag erhält, für einen Londoner Antiquitätenhändler ein Werk von Tizian zu restaurieren. Wenige Tage nach den verheerenden Terroranschlägen in Paris und Dänemark fällt ihm bei einem Spaziergang durch die Londoner Innenstadt ein Passant auf, der auf einen belebten Platz geht und alle Kriterien eines Selbstmordattentäters erfüllt. Er informiert nicht nur den MI5, sondern beschließt auch, dem Verdächtigen zu folgen und zu versuchen, den Anschlag in letzter Minute zu verhindern. Dazu muss er jedoch sicher sein, dass es sich um einen Terroristen in Aktion handelt. Diese beunruhigende Szene markiert den Beginn einer komplexen Handlung, die zu den besten des Autors gehört und in die die CIA, die saudi-arabische Polizei, das berühmte Londoner Auktionshaus Christie’s und eine saudische Multimillionärin verwickelt sind, die ihren Vater bei einer verdeckten Operation von Allons Team verloren hat.

Wie immer bei Daniel Silva ist der Roman sehr gut recherchiert, und der Autor markiert am Ende des Buches, wo die Realität endet und die Fiktion beginnt. Daniel Silva macht keinen Hehl daraus, dass er auf der Seite Israels steht und dass seiner Meinung nach im Kampf gegen den Terrorismus alle Mittel erlaubt sind. Er hält diesen „Konflikt“ für einen echten Krieg, in dem es eben Verluste gibt und in dem alle Beteiligten auch körperliche und seelische Verletzungen erleiden.

Kazuo Ishiguro, Bei Anbruch der Nacht

Die Fans des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro wissen, dass es in seinem literarischen Werk und in seinem Leben einige beherrschende Themen gibt: Erinnerungen, Entscheidungen, die den Rest unseres Lebens bestimmen, und Musik. Sie alle tauchen in dieser Sammlung von fünf Erzählungen auf. Der aufmerksame Leser wird interessante Parallelen entdecken, die in ihrem Zusammenspiel die fünf Erzählungen zu einer wahren Symphonie werden lassen. Sie haben den ruhigen und endgültigen Charakter einer barocken Nocturne, manchmal mit einem leicht traurigen Unterton. Wie so oft hat der deutsche Verlag einen Titel gewählt, der vom Original (Nocturnes) und auch vom Geist des Buches abweicht. Alle Geschichten handeln von erfolglosen Musikern, die in einer entscheidenden Phase ihrer Karriere auf Menschen treffen, die ihre Sicht auf ihre Kunst beeinflussen. Der Tenor der Geschichten reicht von traurig bis grotesk, aber die Musik taucht immer wieder auf, als Leidenschaft, als Talent und als Beruf.
Wie bei komplexen musikalischen Werken lohnt es sich, das Buch ganz oder teilweise ein zweites Mal zu lesen oder über die Haupt- und Nebenfiguren nachzudenken, die in gewisser Weise Spuren hinterlassen: vom ehemaligen Sänger, der, als seine Popularität nachlässt, erkennt, dass seine Frau ihn verlassen muss, um ihren Platz in der glitzernden Welt des Ruhms zu behalten, bis zur ehemaligen Cello-Schülerin, die zu der Überzeugung gelangt, dass kein Lehrer die nötige Interpretationsgabe besitzt, um ihr zu helfen, und deshalb aufhört, das Instrument zu lernen.
Die Originalität des Themas und Ishiguros virtuose Erzählkunst machen diese Sammlung zu einer sehr empfehlenswerten Lektüre.

Was andere dazu meinen:

Der neue Ishiguro: humorvoll, leichthändig und ungewöhnlich musikalisch.
Die besten Zeiten hat Tony Gardner schon hinter sich – seine Engagements werden rarer, seine Autogramme kaum mehr nachgefragt. Für den Kaffeehausgitarristen Janeck ist der Crooner jedoch das größte Idol. Als sich die beiden in Venedig über den Weg laufen, muss er Gardner einfach ansprechen. Der nutzt die Gelegenheit, um Janeck für den vielleicht wichtigsten Auftritt seines Lebens zu gewinnen: Er will seiner langjährigen Frau ein romantisches Ständchen bringen, in der Hoffnung, dass sie der bröckelnden Ehe noch einmal eine Chance gibt.

Mit dieser und vier weiteren Geschichten hat Kazuo Ishiguro seiner großen Leidenschaft, der Musik, eine Liebeserklärung geschrieben. Von Venedig über London und die Malvern Hills bis nach Hollywood führt sie die Menschen zueinander, spinnt ein Netz zwischen den unterschiedlichsten Persönlichkeiten, Nationalitäten und Schicksalen. Ein betörender Erzählzyklus, der auf eindrucksvolle Weise die Schicksale seiner Figuren mit ihrer Liebe zur Musik verknüpft.
(Hugendubel)

Eine wie immer lebendige Besprechung

von Elke Heidenreich ist in YouTube zu finden: https://youtu.be/Ka5IQBdvQeI

Zeruya Shalev, Schmerz

Dieser Roman und seine Autorin haben mich sehr positiv überrascht. Die Hauptfigur, Irisim, ist Direktorin einer Schule mit einem fortschrittlichen und integrativen Bildungsprogramm in Jerusalem. Sie leidet unter starken Schmerzen aufgrund von Verletzungen, die sie vor zehn Jahren bei einem Terroranschlag erlitten hat. Ihr Ehemann Miki und ihre beiden Kinder Alma und Omer, beide in den frühen Zwanzigern, haben in ihrem Leben nach und nach an Bedeutung verloren. Bei einem Besuch in einer Schmerzklinik trifft sie zufällig auf Eitan, ihre Jugendliebe, der sich von ihr getrennt und sie traumatisiert zurückgelassen, als sie beide etwa 18 Jahre alt waren. Irisim denkt ernsthaft darüber nach, ihre Familie zu verlassen und zu Eitan, einem angesehenen Arzt mit zwei Kindern aus zwei gescheiterten Ehen, zurückzukehren, als ein akutes Problem mit ihrer Tochter ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert.
Nach einem etwas zähen Beginn konzentriert sich der Roman auf Irisims Innenwelt, auf ihr Jugendtrauma, auf ihre Frustrationen, auf ihren Stolz darüber, es zur geachteten und geliebten Schuldirektorin gebracht zu haben, und auf die Zweifel, die das neue Dilemma in ihr weckt: Soll sie die Gegenwart und ihre Familie aufgeben oder in dem familiären Umfeld bleiben soll, das sie geschaffen hat und von dem so viel abhängt.
Ein ausgezeichneter Roman mit einem hoffnungsvollen Ende, der auch von einem in Europa wenig bekannten Hintergrund erzählt: der israelischen Gesellschaft mit ihren multikulturellen und geopolitischen Besonderheiten.

Was andere dazu meinen:

Vor zehn Jahren ist Iris bei einem Terroranschlag schwer verletzt worden. Zwar ist sie in ihr altes Leben zurückgekehrt, sie leitet eine Schule, ihr Mann steht ihr treu zur Seite, die Kinder sind fast erwachsen, doch quälen sie Tag für Tag Schmerzen. Als sie Eitan wiederbegegnet, der Liebe ihrer Jugend, der sie vor Jahren jäh verlassen hat, wirft sie das völlig aus der Bahn. Die Wunde, die er ihr damals zufügte, ist nicht weniger tief als die, die der Selbstmordattentäter, der sich neben ihr in die Luft sprengte, riss. Und doch fühlt sich Iris, zaghaft, überrascht, erneut zu ihm hingezogen, ist versucht, ihrer Ehe zu entfliehen, die ersten Lügen zu stricken, alles aufs Spiel zu setzen.
Wie in ihrem Weltbestseller »Liebesleben« lotet Zeruya Shalev die Untiefen der Liebe, die Fährnisse einer fatalen Anziehung aus. Die erotische Spannung, die Wucht der unerwartet wieder aufflammenden Leidenschaft sind kompromisslos, ehrlich und tief bewegend erzählt. »Schmerz« ist Zeruya Shalevs persönlichstes Buch, eine emotionale Grenzerfahrung, ein Roman, der bis zur letzten Seite fesselt.