Kazuo Ishiguro, Bei Anbruch der Nacht

Die Fans des Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro wissen, dass es in seinem literarischen Werk und in seinem Leben einige beherrschende Themen gibt: Erinnerungen, Entscheidungen, die den Rest unseres Lebens bestimmen, und Musik. Sie alle tauchen in dieser Sammlung von fünf Erzählungen auf. Der aufmerksame Leser wird interessante Parallelen entdecken, die in ihrem Zusammenspiel die fünf Erzählungen zu einer wahren Symphonie werden lassen. Sie haben den ruhigen und endgültigen Charakter einer barocken Nocturne, manchmal mit einem leicht traurigen Unterton. Wie so oft hat der deutsche Verlag einen Titel gewählt, der vom Original (Nocturnes) und auch vom Geist des Buches abweicht. Alle Geschichten handeln von erfolglosen Musikern, die in einer entscheidenden Phase ihrer Karriere auf Menschen treffen, die ihre Sicht auf ihre Kunst beeinflussen. Der Tenor der Geschichten reicht von traurig bis grotesk, aber die Musik taucht immer wieder auf, als Leidenschaft, als Talent und als Beruf.
Wie bei komplexen musikalischen Werken lohnt es sich, das Buch ganz oder teilweise ein zweites Mal zu lesen oder über die Haupt- und Nebenfiguren nachzudenken, die in gewisser Weise Spuren hinterlassen: vom ehemaligen Sänger, der, als seine Popularität nachlässt, erkennt, dass seine Frau ihn verlassen muss, um ihren Platz in der glitzernden Welt des Ruhms zu behalten, bis zur ehemaligen Cello-Schülerin, die zu der Überzeugung gelangt, dass kein Lehrer die nötige Interpretationsgabe besitzt, um ihr zu helfen, und deshalb aufhört, das Instrument zu lernen.
Die Originalität des Themas und Ishiguros virtuose Erzählkunst machen diese Sammlung zu einer sehr empfehlenswerten Lektüre.

Was andere dazu meinen:

Der neue Ishiguro: humorvoll, leichthändig und ungewöhnlich musikalisch.
Die besten Zeiten hat Tony Gardner schon hinter sich – seine Engagements werden rarer, seine Autogramme kaum mehr nachgefragt. Für den Kaffeehausgitarristen Janeck ist der Crooner jedoch das größte Idol. Als sich die beiden in Venedig über den Weg laufen, muss er Gardner einfach ansprechen. Der nutzt die Gelegenheit, um Janeck für den vielleicht wichtigsten Auftritt seines Lebens zu gewinnen: Er will seiner langjährigen Frau ein romantisches Ständchen bringen, in der Hoffnung, dass sie der bröckelnden Ehe noch einmal eine Chance gibt.

Mit dieser und vier weiteren Geschichten hat Kazuo Ishiguro seiner großen Leidenschaft, der Musik, eine Liebeserklärung geschrieben. Von Venedig über London und die Malvern Hills bis nach Hollywood führt sie die Menschen zueinander, spinnt ein Netz zwischen den unterschiedlichsten Persönlichkeiten, Nationalitäten und Schicksalen. Ein betörender Erzählzyklus, der auf eindrucksvolle Weise die Schicksale seiner Figuren mit ihrer Liebe zur Musik verknüpft.
(Hugendubel)

Eine wie immer lebendige Besprechung

von Elke Heidenreich ist in YouTube zu finden: https://youtu.be/Ka5IQBdvQeI

Schreibe einen Kommentar