Diese liebenswerte Geschichte von Philippe Claudel ist einer jener Romane, die man im Handumdrehen gelesen hat und die einem im Gedächtnis bleiben. Wegen des Themas, wegen der Art, wie es erzählt wird, wegen der Menschlichkeit der Figuren. Wegen der Hoffnung, die der Protagonist ausstrahlt.
Herr Linh, ein alter Mann, ist nach einem der vielen Kriege, die seine Heimat erlebt hat, aus einem namenlosen Land, das Vietnam sein muss, geflohen. Seine Frau, seine Kinder und die meisten Bewohner seines Dorfes sind im Krieg umgekommen. Er hat nur noch eine Enkelin, Sang Diu, die erst wenige Wochen alt ist. Bei seiner Ankunft in einem westlichen Land, vermutlich Frankreich, wird er mit anderen Flüchtlingen in einem alten Lagerhaus untergebracht. Als er es einmal wagt, das Gebäude zu verlassen, um dem Mädchen etwas Luft zu verschaffen, gerät er in ein wortloses Gespräch mit einem dicken, kettenrauchenden Mann, der Linhs Gruß mit seinem Namen verwechselt. Obwohl er kein Wort versteht, spürt Linh in dem Mann, der Bark heißt, eine Sehnsucht nach Freundschaft und Zuneigung, und so treffen sie sich täglich auf einer Parkbank.
Die Geschichte nimmt zwei unerwartete Wendungen, die die Harmonie in Linhs Leben und die Beziehung zu Bark bedrohen, aber Linh verliert nicht die Zuversicht und macht sich mit seiner Enkelin auf der Suche nach seinem Freund.
Ein sehr schöner Roman.
Was andere dazu meinen:
Es ist die überaus bewegende und rührende Geschichte eines alten Mannes, der in Kriegswirren mit seiner Enkelin fest im Arm flieht und angstvoll sich einer neuen Welt nähert. Eine wunderbare Geschichte von Freundschaft und Heimweh, die leise in einem kleinen Buch erzählt wird und einen mit voller Wucht trifft.
Philippe Claudel ist noch mit seinem letzten Roman Die grauen Seelen bestens in Erinnerung, nun ein ganz ähnlich intensives, lange nachklingendes Buch über Flucht und Vertreibung, den Verlust von Heimat und Geborgenheit. Der Tod hat ihm alles genommen. Er besitzt nichts mehr … Er ist tausende Tage entfernt von einem Leben, das einst schön und glücklich war. Familie, Freunde, Haus, alles hat Monsieur Linh verloren, nur er und seine sechs Wochen alte Enkelin haben überlebt. Nur für sie flieht er, für sein ein und alles. Jeder Tag hat einen Morgen. Immer kehrt das Licht zurück, immer folgt ein neuer Tag. Einmal wirst du Mutter sein. Das alte Lied seiner Familie singt er gefühlvoll und beschwörend, voller Hoffnung immer wieder der Kleinen vor.
Dann irgendwann, lernt Monsieur Linh Monsieur Bark kennen, die beiden verstehen sich nicht, sprechen unterschiedliche Sprachen, fühlen aber durch Gesten und Mimik eine wachsende freundschaftliche Verbundenheit. Sie erzählen von früher, vertrauen sich Erinnerungen an. Ich kenne ihre Heimat, gesteht Monsieur Bark. Ich war damals zwanzig. Man hat mir damals ein Gewehr in die Hand gedrückt, als ich fast noch ein Kind war …. Verzeihen Sie mir. Eine erschütternde Szene, in der der Andere arglos seinen Freund anschaut, voller Dankbarkeit für menschliche Nähe.
Viel zu schnell hat man es gelesen, das kleine Buch: Große Gefühle, die ganz tief im Inneren bleiben, je leiser Claudel erzählt, umso stärker melden sie sich zu Wort: Traurigkeit, Wehmut und Heimweh, die wie ein Stachel festsitzen, ein Schmerz, der nicht aufhören mag und gleichzeitig auch Mut und fast ein bisschen Hoffnung. Er hat Hungersnöte und Kriege überstanden. Er hat das Meer überquert. Er ist unbesiegbar. Eines Tages aber wird die Freundschaft der beiden Männer jäh unterbrochen. –Barbara Wegmann (Amazon)
