Archiv für den Monat: November 2025

Caroline Wahl, Die Assistentin

Caroline Wahl ist zurzeit eine der gefragtesten Autorinnen in Deutschland und der Schweiz. Die vor knapp 30 Jahren geborene Schriftstellerin hat mit ihren ersten drei Büchern 22 Bahnen, Windstärke 17 und Die Assistentin bereits beachtliche Verkaufszahlen erzielt. Das erste davon ist kürzlich in anderen Sprachen erschienen und der dazugehörige Film ist gerade angelaufen. Normalerweise schenke ich neuen Literaturstars keine Beachtung, aber in diesem Fall haben mich zwei begeisterte Rezensionen von renommierten Kritikern überzeugt, denen ich seit Jahren folge. Dieses dritte Buch erreichte sofort Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Die Handlung des Buches ist relativ einfach: Die Autorin fasst sie gleich zu Beginn zusammen, indem sie erklärt, dass die dem Roman zugrunde liegende Entscheidung eine völlig falsche war.

Charlotte, eine junge Frau mit einer ausgezeichneten akademischen Ausbildung, bewirbt sich auf eine Stelle als Assistentin des Direktors eines bekannten Verlags. Das Auswahlverfahren erscheint ihr etwas seltsam und der Verleger selbst macht keinen besonders guten Eindruck auf sie. Aber sie braucht den Job und die Aussicht, in München zu leben, reizt sie. Kurz nach Arbeitsantritt und nachdem sie eine Wohnung in einem Vorort von München gefunden hat, wird Charlotte klar, dass die Beziehung zum Verleger nicht einfach werden wird. Dieser ist ein schwieriger Mensch: narzisstisch, inkompetent, manisch und jähzornig. Dies belegen die Geschichte ihrer Vorgängerinnen in dieser Position und die Häufigkeit der Wechsel.

Die Arbeit nimmt in Charlottes Leben immer mehr Zeit und Energie in Anspruch. Gleichzeitig entdeckt sie ihre Liebe und Leidenschaft für Musik, die zu ihrem einzigen Zufluchtsort nach Feierabend wird. Bald wird ihr auch klar, dass sie im Verlag keine Verbündeten hat. Ihr sporadischer Freund Bo warnt sie vor dem Labyrinth, in das sie sich hineinmanövriert, aber sie hört nicht auf ihn, sondern wirft ihm sogar vor, nach Alternativen zu ihrer Beziehung zu suchen.

Im Laufe des Buches reflektiert die Autorin über ihren eigenen literarischen Stil, der relativ chaotisch und ohne große sprachliche Ansprüche ist. Sie verweist die Lesenden jedoch auf die verbleibenden Seiten. Am Ende bestätigt sich die Vorhersage von Seite eins, und man fragt sich, ob so viele Seiten wirklich notwendig waren. Vielleicht gerade deshalb, ist die Antwort ja.

Anbei eine interessante Rezension des Buches: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/die-assistentin/

Die Meinung der anderen:

Wahl hat sich ihren faszinierenden Sound bewahrt … Was das Buch stark macht, ist die Verstrickung der Protagonistin in die Herrschaftsverhältnisse, die sie vorfindet. (NZZ am Sonntag)

Eine wirklich gute, differenzierte Geschichte von Macht und Ohnmacht … Caroline Wahl ist cool. (Die Zeit)

‚Die Assistentin‘ will nicht gefallen – es will gelesen und diskutiert werden. (stern.de)

Claudia Piñeiro, Ein wenig Glück

Claudia Piñeiro (* 1960) ist eine der bekanntesten argentinischen Schriftstellerinnen. International wurde sie vor allem durch ihr Buch Die Donnerstagswitwen bekannt. Es folgten andere, auch in Deutschland anerkannte Titel wie Betibu oder Elena weiß Bescheid.

Die Handlung dieses Buches: Maria Elena Lauría, geborene Pujol, ist mit dem Direktor einer privaten Klinik in einem Vorort von Buenos Aires verheiratet. Sie kümmert sich um den gemeinsamen sechsjährigen Sohn Federico und pflegt gute Beziehungen zu anderen Müttern der Saint-Peter-Schule. Bis eines Tages eine Tragödie ihre Welt für immer zusammenbrechen lässt. Nachdem sie ihren Sohn und einen Freund von ihm von der Schule abgeholt hat, überquert sie eine geschlossene Schranke, von der alle Nachbarn wussten, dass sie defekt war. Nachdem sie zehn Minuten gewartet hat, bis die vor ihr fahrenden Autos die Gleise überquert haben, will sie es ihnen gleichtun. Doch dann bleibt ihr Auto auf den Gleisen stehen. Sie schafft es nicht, den Motor anzukurbeln. Schließlich fährt ein Zug ein und überrollt das Auto. Sie kann den Freund ihres Sohnes aus dem Fahrzeug nicht mehr retten. Dieses Ereignis prägt den gesamten Roman. Es ist der Grund für Marías Flucht in ein anderes Land und holt sie wieder ein, als sie als Mary Lohan, Lehrerin an einer renommierten Schule in Boston und zuständig für die Bewertung der Unterrichtsqualität der Einrichtung, genau an denselben Ort und an dieselbe Schule zurückkehrt.
Piñeiro führt uns meisterhaft in das Innere der Protagonistin, ihrer Verwandten und das geschlossene Umfeld ihrer ehemaligen Schule. Piñeiro erzählt in einem getragenen Stil von einer Tragödie, von Schuldgefühlen, von Vorwürfen, von Unbarmherzigkeit und von der Fähigkeit, zu verzeihen. Ich finde, es ist ein ausgezeichneter Roman, den ich Liebhabern guter Literatur empfehle.

Was die anderen dazu meinen:

»Ein wenig Glück‹ trifft langsam, aber zielsicher mitten ins Herz, weil Augenblicke, in denen man eine falsche Entscheidung trifft, in jedem Leben vorkommen.« Peter Pisa, Kurier, Wien

»Claudia Piñeiros Roman überzeugt durch seine sprachliche Klarheit und das psychologische Feingefühl der Autorin, mit dem sie über Schuld und Sühne und die Macht mütterlicher Liebe schreibt.« Petra PluwatschKölner Stadt-Anzeiger, Köln

»Claudia Piñeiro nähert sich den ganz großen Themen: Schuld und Schicksal, Unglück und Glück, Tod und Liebe. Dabei schreitet die Erzählung vorsichtig, ganz sachte voran. Diese Spannung zwischen sanftem Tonfall und tragischem Geschehen ist magisch – man kann sich ihr auf keiner Seite entziehen.« Susanne Rikl, Gute-Buecher-lesen.de, München