Archiv des Autors: Javier

Joel Dicker, Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Der Schweizer Joel Dicker hatte mit diesem Roman einen großen Erfolg, sowohl bei den Kritikern als auch bei den Verkaufszahlen. Später sind andere Werke erschienen, die allesamt mit einer gewaltigen Marketing-Maschinerie begleitet wurden.

Ein bekannter Schriftsteller und Universitätsprofessor lebt zurückgezogen in einer kleinen Stadt am Meer. Ein Student von ihm besucht ihn und entdeckt eine alte Geschichte um einen möglichen Mord, die sein Bild vom Professor zu verändern droht. Spannend vom Anfang bis zum Ende. Der Leser hat aber auch manchmal den Eindruck, dass der Autor mit ihm spielt.

Was andere dazu meinen:

Ein Skandal erschüttert das Städtchen Aurora an der Ostküste der USA: Dreiunddreißig Jahre nachdem die ebenso schöne wie geheimnisumwitterte Nola spurlos verschwand, taucht sie wieder auf. Als Skelett im Garten ihres einstigen Geliebten. Der berühmte, zurückgezogen lebende Schriftsteller Harry Quebert steht plötzlich unter dringendem Mordverdacht.

»Spannend und vielschichtig, dabei klar und klug konstruiert. Eine packende Geschichte.« NDR

»Ein Künstler- und Gesellschaftsroman voll psychologischer Spannungen.« NZZ am Sonntag

»Ein Buch im Buch, ein Krimi, eine Liebesgeschichte. Groß!« Cosmopolitan

»Der Roman hat 730 Seiten, und es gibt nicht einen Moment der Langeweile.« Hamburger Morgenpost

Fred Vargas, Fliehe weit und schnell

Dieser Krimi von der französischen Schriftstellerin Fred Vargas zeigt uns wieder die menschliche Seite der Arbeit der Kriminalpolizei. Und bringt uns in Erinnerung eine Krankheit, die über Jahrhunderte die Menschheit bestrafft und die Gesellschaft als Bedrohung beeinflusst hat: die Pest.

Wie es in der Arbeit des Kommissars Adamsberg und seiner Mitarbeiter üblich, nicht die Lösung des Rätsels steht im Vordergrund, sondern der Umgang aller Beteiligten damit.

Was andere dazu meinen:

Die Pest in Paris! Das Gerücht hält die Stadt in Atem, seit auf immer mehr Wohnungstüren über Nacht eine seitenverkehrte 4 erscheint und morgens ein Toter auf der Straße liegt – schwarz. Kommissar Adamsberg sitzt in einer kleinen Brasserie in Montparnasse. Im Kopf hat er eine rätselhafte lateinische Formel, die auf jenen Türen stand – und vor sich, am Metroausgang, einen bretonischen Seemann, der anonyme Annoncen verliest. Auch lateinische darunter. Aber wo ist der Zusammenhang zwischen den immer zahlreicheren Toten in der Stadt und den sympathischen kleinen Leuten, die dem Bretonen so gebannt zuhören? Plötzlich hat Adamsberg, der Mann mit der unkontrollierten Phantasie, eine Vision.

Ein meisterhafter Roman voll düsterer Spannung, leiser Poesie und Vargas‘ unnachahmlich schrägen Dialogen. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2004, dem Preis der französischen Buchhändler und dem der Leserinnen von „Elle“.

„Mörderisch menschlich, mörderisch gut.“ Frankfurter Rundschau

Ted Chiang, Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes

Diese kleine Sammlung von Science-Fiction-Erzählungen zeichnet sich durch ihre Kreativität. Nicht alle sind gleich gut, oder inspirierend, aber jede Erzählung birgt eine sehr interessante und anregende Idee. Der Film „The arrival“ basiert zum Beispiel auf die wenigen Seiten einer der Erzählungen.

Was andere dazu meinen:

Geschichten, die ein ganzes Universum enthalten: Die Wahrheit über den Turmbau zu Babel; der folgenreiche Erstkontakt mit einer außerirdischen Spezies; die Verzweiflung angesichts des Verlusts eines unersetzlichen Menschen; ein Zeitreiseabenteuer der anderen Art; und ein bestürzender Ausflug an die Grenzen des wissenschaftlich Machbaren …

Kein anderer Science-Fiction-Autor hat in den letzten zwanzig Jahren auch nur ansatzweise so viel Begeisterung ausgelöst wie Ted Chiang. Kein anderer Science-Fiction-Autor wurde für ein so schmales Werk mit mehr Preisen ausgezeichnet. Nun liegt endlich auch auf Deutsch ein Auswahlband mit seinen Erzählungen vor.

Ausgezeichnet mit dem >Kurd Laßwitz Preis< als bestes ausländisches Werk des Jahres 2012

Daniel Silva, Die Attentäterin

Daniel Silva hat zwei Agenten literarisch geschaffen, einen in der CIA, den zweiten im „Dienst“, die Abteilung des Innenministeriums Israels, die die Abwehr gegen Terroristen tatkräftig in die Hand nimmt. Gabriel Allon ist ein wichtiger Spion, der selbst die Folgen terroristischer Angriffe gewesen ist, aber in seiner Seele die Sensibilität eines Malers und Kunstrestaurators verbirgt.

Zwei Attentate erschüttern die Bevölkerung in Paris und in Amsterdam. Das Ziel waren israelische Organisationen bzw. Viertel, wo besonders viele Juden leben. Der ISIS bekennt sich zum Verbrechen. Für die israelischen Geheimdienst ist das Anlass genug, einen totgeglaubten wieder auferstehen zu lassen und einer Ärztin aus Jerusalem eine neue Identität zu geben.

Was andere dazu meinen:

Ein verheerender Bombenanschlag des IS im Pariser Marais-Viertel zwingt Gabriel Allon ein letztes Mal ins Feld: Anstatt seinen Posten als Chef des israelischen Geheimdienstes anzutreten, hilft der legendäre Agent den französischen Behörden, den Drahtzieher des blutigen Terroraktes zu suchen. Außer dessen Namen – Saladin – weiß man nichts über ihn. Allon sieht die einzige Möglichkeit an ihn heranzukommen darin, jemanden in das Terrornetzwerk des IS einzuschleusen. Eine junge Ärztin scheint die perfekte Rekrutin für das gefährliche Unterfangen zu sein …

„,Die Attentäterin‘ zeigt Daniel Silva in gewohnter Form. 80 kurze Kapitel voll überraschender Wendungen und rasanter Action bieten spannende Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite.“ dpa

„Routiniert entwickelt der Bestsellerautor realistische Figuren, deren radikale Denkmuster er glaubhaft wie hautnah vermitteln kann, und steigert die Spannung bis zum dramatischen Finale. Da bleibt nur zu hoffen, dass seine fiktionale Terrorszenarien niemals Realität werden und verdammt gute Unterhaltungsliteratur bleiben.“ Kulturnews

„Mich hat sowohl das Personal überzeugt als auch die Handlung. Alle Figuren sind für mich stimmig, sie interagieren überzeugend und haben mich von Anfang an in ihren Bann gezogen. Genauso die Handlung, die zwar mutig ist, aber ich kann mir trotzdem vorstellen, dass sie (fast) genau so real passieren kann.“ Krimimimi

„Von den tatsächlichen Ereignissen beim Schreiben überholt, zeigt der US-Amerikaner einmal mehr, wie nahe er in seinen Büchern der Wirklichkeit kommt. Packend spiegelt ,Die Attentäterin‘ die komplexen Welten von Geheimdiensten, Spionen und einem global agierenden Terrornetzwerk wider und zeichnet sich dabei neben fundierter Recherche durch facettenreiche Figuren aus, die die Motive aller Charaktere nachvollziehbar machen.“ Krimi-Tipp

„Daniel Silva bestätigt seinen Ruf als einer der führenden Autoren von Agententhrillern. Die Seiten blättern sich, wie von selbst.“ – New York Journal of Books

„Ein literarisches Pulverfass“ – The Huffington Post

Fred Vargas, Der vierzehnte Stein

Hinter dem Pseudonym Fred Vargas versteckt sich eine Schriftstellerin, die nicht nur einen Kommissar, sondern gleich eine ganze Abteilung der Pariser Mordkommission geschaffen hat. Neben Adamsberg arbeiten andere originelle Gestalten. Sie bilden ein seltsames Team, wo jeder mit seinen eigenen Problemen und Sorgen genug zu tun, was sie nicht daran hindert, schwierige Fälle zu lösen. In jedem Buch erläutert Fred Vargas ein kulturelles oder historisches Thema.

In diesem Buch geht es um einen Mörder, der mit einem Dreizack seine Opfer ersticht. Die Methode ist bekannt und bald auch der Name des Mörders. Nur, dieser ist bereits seit 30 Jahren tot. Wie kann es sein, dass er wieder aktiv wird?

Was andere dazu denken:

Durch Zufall stößt Adamsberg auf einen gräßlichen Mord – ein Mädchen wurde mit einem Dreizack erstochen. Eines ähnlichen Verbrechens wurde einst sein jüngerer Bruder Raphaël verdächtigt. Doch seitdem sind 30 Jahre vergangen, der wirkliche Mörder ist längst begraben. Wer also mordet weiter mit gleicher Waffe? Für Adamsberg beginnt ein atemloser, einsamer Lauf gegen die Zeit.
(medimops)

»Vargas schreibt die schönsten und spannendsten Krimis in Europa.« DIE ZEIT »Ein Kriminalroman, so atemlos wie fesselnd.« ELLE »Eine Autorin ihres Ranges findet sich unter deutschen Krimischreibern nicht.« SPIEGEL SPECIAL

Terry Hayes, Faceless

Ein mysteriöser Mordfall in New York führt einen ehemaligen Agenten der CIA auf die Spur eines möglichen terroristischen Attentats auf die EE.UU. Die Suche nach dem mysteriösen „Sarazenen“ führt über die arabische Welt, aber auch über die Taliban und über eine Telefonnummer in den Mittleren Osten.

Meisterhaft geschrieben, spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Wer das Buch in der Hand hält und einige Seiten gelesen hat, wird es schwer wieder zurücklegen.

Was andere dazu meinen:

Ein schäbiges Hotel in New York wird zum Schauplatz eines grausamen Verbrechens: In einer Badewanne voll Säure liegt die entsetzlich entstellte Leiche einer Frau. Da die Polizei im Dunkeln tappt, wird ein Spezialist hinzugezogen:“ Pilgrim“, ein Undercoveragent des US-Geheimdienstes. Doch die Ermittlungen nehmen eine zutiefst beunruhigende Wendung, als Pilgrim auf eine terroristische Verschwörung stößt, die das Gesicht der westlichen Welt für immer verändern könnte. Ein hochgefährlicher Kampf gegen die Zeit entbrennt – und am Ende steht nur noch Pilgrim zwischen einem unsichtbaren Feind und dem Leben von Millionen Menschen …
(medimops)

Luca D’Andrea, Das Böse, es bleibt

Das zweite Buch von Luca D’Andrea übernimmt einige Elemente aus dem bekannten thriller „Der Tod so kalt“ desselben Autors, ist aber eigentlich keine Fortsetzung von diesem. Die Landschaft Südtirols ist die Bühne für eine spannende Geschichte mit einem geheimnisvollen Heiler, einem Auftragskiller und einem Mafiaboss. Der Autor, der teilweise an Stephen King erinnert, fragt sich immer wieder dabei, woher das Böse kommt. Nicht so spannend wie das erste Buch, aber lohnenswert.

Das dritte Buch von Luca D’Andrea, Der Wanderer, nutzt eigentlich nur die Bühne im Südtirol für eine verwirrende Geschichte, die den Autor nicht richtig fesselt.

Was andere dazu meinen:

Südtirol, im Winter. Marlene ist auf der Flucht, panisch steuert sie ihr Auto durch den Schneesturm. Im Gepäck: ein Beutel mit Saphiren, den sie ihrem skrupellosen Ehemann aus dem Safe entwendet hat. Wegener ist der Kopf einer mafiösen Erpresserbande, und Marlene weiß, dass er seine Killer auf sie hetzen wird. Da stürzt ihr Wagen in eine Schlucht. Marlene erwacht in einer abgelegenen Berghütte, gerettet von einem wortkargen Alten. Bei ihm und seinen Schweinen glaubt sie sich in Sicherheit vor ihrem Mann. Bald jedoch stellt sie mit Entsetzen fest, dass von dem Einsiedler eine noch größere Gefahr ausgeht …
(Amazon)

Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte

Ein weiteres lesenswertes Buch von Julian Barnes. Ein Film, der auf diese Erzählung basiert ist, verpasst nach meiner Meinung die narrativen Koordinate des Buches.

Anthony (Tony) Webster ist ein geschiedener Mitsechziger der eine zufriedenstellende Beziehung zu seiner ex-Frau und seiner Tochter hat. Ebenso selbstgefällig sind seine Erinnerungen an seiner Schulzeit, an seine erste Freundin Veronica und an seine Jugendfreunde, besonders an den intelligenten Adrian. Tony bewundert in gewisser Hinsicht die Konsequenz von Adrian, der gerne Camus zitierte, als dieser behauptet, Selbstmord sei die einzige echte philosophische Frage, und der seinem Leben mit 20 Jahren ein Ende setzte. Dieses friedliche Leben erfährt einen Umbruch als er den Brief einer Anwältin erhält, wo diese mitteilt, dass Sarah, die Mutter von Verónica, ihm 500 Pounds und ein Dokument, das Tagebuch Adrians, vermacht hat.

Der Roman mit dem unverkennbaren Stil von Barnes ergänzt die lineare Erzählung mit den Gedanken Tonys, der an seinen Erinnerungen und Urteilen festhält bis Verónica und ein Sozialarbeiter ihm über seine Fehlurteile und über die Folgen seiner Handlungen aufklären.

Was andere dazu meinen:

 Wie sicher ist Erinnerung, wie unveränderlich die eigene Vergangenheit? Tony Webster muss lernen, dass Geschehnisse, die lange zurückliegen und von denen er glaubte, sie nie mehr hinterfragen zu müssen, plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Als Finn Adrian in die Klasse von Tony Webster kommt, schließen die beiden Jungen schnell Freundschaft. Sex und Bücher sind die Hauptthemen, mit denen sie sich befassen, und Tony hat das Gefühl, dass Adrian in allem etwas klüger ist als er. Auch später, nach der Schulzeit, bleiben die beiden in Kontakt. Bis die Freundschaft ein jähes Ende findet. Vierzig Jahre später, Tony hat eine Ehe, eine gütliche Trennung und eine Berufskarriere hinter sich, ist er mit sich im Reinen. Doch der Brief eines Anwalts, verbunden mit einer Erbschaft, erweckte plötzlich Zweifel an den vermeintlich sicheren Tatsachen der eigenen Biographie. Je mehr Tony erfährt, desto unsicherer scheint das Erlebte und desto unabsehbarer die Konsequenzen für seine Zukunft. Ein Text mit unglaublichen Wendungen, der den Leser auf eine atemlose Achterbahnfahrt der Spekulationen mitnimmt.

»Wie Barnes allmählich die Selbstzensur in den Erinnerungen seines pensionierten Protagonisten Tony Webster bloßlegt, beweist seine ganze Meisterschaft.« (Süddeutsche Zeitung)

Alice Munro, Tricks

Alice Munro, geboren 1931 in Ontario, gewann den Nobelpreis im Jahre 2013. Sie schreibt vor allem Kurzgeschichten. Nach Wikipedia hat Munro „die Struktur von Kurzgeschichten revolutioniert. Die Geschichten, die sich durch sprachlichen Feinschliff auszeichnen, beginnen oft an einer unerwarteten Stelle, anschließend wird die Erzählung chronologisch rückwärts oder vorwärts entwickelt.“ Dieses Buch ist bezeichnend für ihren Stil: Schilderungen im Detail und in der Totale ergänzen sich, Figuren werden beobachtet, aber nicht kritisiert, so dass der Leser frei ist, sich darauf einzulassen.

Die Protagonisten tauchen teilweise in verschiedenen Erzählungen auf, ohne dass es dabei Wiederholungen oder Widersprüche gibt.

Was andere dazu meinen:

Tricks, acht meisterliche Erzählungen von Alice Munro: Geschichten über Ausreißer, Entscheidungen, Leidenschaften und Verfehlungen. Wieder beweist Alice Munro besonderes Gespür für das Geheimnis ihrer Figuren, jenen rätselhaften Bereich, wo Selbstbetrug auf Hoffnungen, gefährliche Illusionen auf die kleinen Tricksereien des Alltags treffen. Der Leser kommt in ihren Geschichten seinem eigenen Leben so nah, dass er schwindlig wird vor Herzleid und Glück.
(Amazon)

Ian McEwan, Abbitte

Ian McEwan, geboren 1948 in England, behandelt in seinen Romanen Schlüsselthemen des menschlichen Lebens. Hier geht es um Schuld und Sühne, um Hass und um Verzeihung, mit dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Es gibt nicht viele aktuellen Romane, die so realistisch das Gefühl der Schuld und, als Reaktion, die Sehnsucht nach Sühne praktisch beschreiben wie Abbitte.

Briony ist ein junges Mädchen, voller Phantasie, das im Landhaus ihrer Eltern zusammen mit ihrer Schwester Cecilia lebt. Beim Besuch ihres Bruders, der zusammen mit einem Freund sich im Haus aufhält, wird sie Zeugin des Beginns einer Beziehung ihrer Schwester mit Robbie, einem Diener. Als eine Cousine von Briony in der Nacht vergewaltigt wird, redet sie sich ein, der Täter sei Robbie gewesen und beschuldigt ihn. Dadurch kommt Robbie ins Gefängnis und später als Freiwilliger in den Krieg.

Das Mädchen versucht später, das Unrecht wiedergutzumachen, aber es gelingt ihr nicht. In zwei anderen Teilen des Buches erleben wir die Fortführung und das Auseinanderbrechen der Familie, sowie ein letztes Kapitel, das neues Licht über die Geschehnisse und über die Gedanken der dann schon alten und kranken Briony.

Hervorragende Erzählung dieses Autors.

Was andere dazu meinen:

Ein kleines Mädchen beobachtet ihre ältere Schwester, die mit dem Sohn der Putzfrau am Brunnen im Garten steht. Briony kann nicht hören, was Cecilia und Robbie miteinander sprechen. Sie sieht nur, dass ihre Schwester sich plötzlich ihrer Kleidung entledigt und nackt in den Brunnen steigt, während Robbie fasziniert zusieht. Cecilia entsteigt dem Brunnen kurz darauf wieder, streift Bluse und Rock über und geht davon. Robbie entfernt sich in die andere Richtung. Alles, was von der Szene am Pool bleibt, ist eine Wasserpfütze vor dem Brunnen, die in der drückenden Sommerhitze des Jahres 1935 verdunstet. Briony bleibt am Fenster stehen, bis die Pfütze verschwunden ist und kann bald nicht mehr sagen, ob die Szene, die sie beobachtet hat, wirklich passiert ist. Trotz ihrer überbordenden Phantasie – Briony will Schriftstellerin werden und malt sich ständig Geschichten aus – kann sie sich nicht vorstellen, was zwischen Cecilia und Robbie vorgehen mag und was das unerhörte Verhalten Cecilias rechtfertigt. Am Abend diesen heißen Tages gibt Robbie Briony einen Brief für Cecilia. Brionys Phantasie geht mit ihr durch, als sie den Brief heimlich gelesen hat und entsetzt ist über dessen anstößigen Inhalt, den Briony kaum versteht. Briony beschließt, ihre Schwester vor dem Monster Robbie zu beschützen. Der Tag wird für Robbie kein gutes Ende nehmen: Lola, Brionys Cousine, wird im Park des Hauses überfallen und vergewaltigt. Briony sieht den Täter in die Dunkelheit des Waldes fliehen, die Polizei wird gerufen und Briony identifiziert Robbie als den Täter. Die Schreie von Robbies Mutter, als Robbie von der Polizei abgeführt wird, werden jahrelang in Brionys Kopf widerhallen: “ ,Lügner! Lügner!‘ “ rief Grace Turner immer wieder, rannte verzweifelt dem entschwindenden Wagen hinterher, blieb einige Schritte später stehen, die Hände in die Hüften gestemmt, und sah ihm nach, wie er über die erste Brücke fuhr, dann über die zweite und schließlich im Weiß verschwand.“

Ian McEwan thematisiert in seinem Roman „Abbitte“ die Konsequenzen, die Brionys Anschuldigung nicht nur für Cecilia und Robbie, sondern auch für Briony und den Rest der Familie hat. Robbie wird der Vergewaltigung Lolas für schuldig befunden, kommt ins Gefängnis, und sein Wunsch, Medizin zu studieren, rückt in unerreichbare Ferne. Cecilia glaubt Robbies Unschuldsbeteuerungen, sagt sich von ihrer Familie los und wird trotz ihres abgeschlossenen Studiums in Cambridge Krankenschwester in London. Briony träumt weiter ihren extravaganten Traum vom Dasein als Schriftstellerin und kämpft die eigenen Zweifel an ihrer Aussage in den nächsten Jahren verbissen nieder. Das gutbürgerliche Leben, das alle drei vor sich ausgebreitet sahen, wird zur Unmöglichkeit.

Ian McEwan hat seinen Roman dreigeteilt; der erste Teil erzählt in ausufernder, detailgenauer Prosa die Ereignisse jenes schicksalhaften Tages, an dem Briony Robbie der Vergewaltigung beschuldigt; der zweite Teil spielt Jahre später, als Robbie, inzwischen Soldat der britischen Armee, sich durch die Hölle von Dunkirk kämpft und stets Cecilias Briefe vor Augen und ihre Stimme im Kopf hat – „Komm zurück“ -, während Briony sich als Lernschwester in einem Londoner Krankenhaus verpflichtet; der dritte Teil spielt in der Gegenwart, in der Briony sich als alternde Schriftstellerin mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. McEwan leistet sich vier Erzählperspektiven – die des Kindes Briony, die des Soldaten Robbie, die der jungen und schließlich die der alten Briony – und verbindet jede Perspektive souverän mit den anderen. Jede Perspektive ist geprägt von einem eigenen Schreibstil; der erste Teil, erzählt aus der Perspektive des Kindes Briony, das zuckersüß-romantische kleine Theaterstücke schreibt, ist von dem Stil einer Jane Austen geprägt, der im zweiten Teil einer harten, knappen Prosa Platz macht, die sachlich die Schrecken des Krieges beschreibt, während der letzte Teil abgeklärt und altersweise daherkommt. McEwan versteht es, jedem Erzähler eine eigene Stimme zu geben, ohne dem Roman als Ganzem seinen Erzählfluss zu nehmen. Über die Jahre hinweg begreift Briony langsam, dass ihre Zweifel an der Identität des Täters, die sie insgeheim immer gehegt hatte, und ihre Schuldgefühle Robbie und Cecilia gegenüber nicht wie die Wasserpfütze vor dem Brunnen in der Gluthitze verdunsten werden, sondern sich vielmehr wie ein hauchdünner, fast unsichtbarer Bruch durch ihr Leben ziehen – ganz wie bei der wertvollen Vase, von der Robbie und Cecilia am Brunnen ein Stück abbrechen und ins Wasser fallen lassen. Cecilia steigt in den Brunnen, um das Stück herauszufischen und klebt die Vase, ohne dass jemand den Schaden bemerkt. Erst Jahre später zerbricht die Vase auf eine für die Haushälterin der Familie Tallis unerklärliche Weise in tausend Scherben.
(Literaturkritik.de)