Archiv der Kategorie: Familienromane

Robert Seethaler, Ein ganzes Leben

Was macht das Leben eines „normalen“ Menschen aus? Der Österreicher Robert Seethaler schreibt gekonnt über einen einfachen Menschen, dessen Universum sich auf das Tal der Alpen beschränkt, in dem er lebt. Nach Jahren der Arbeit als Hilfsarbeiter in einem Berghof arbeitet er sich als Techniker hoch.

Eines Tages lernt er Marie kennen, die Liebe seines Lebens. Gegen Ende seines Lebens macht sich Gedanken über sein einfaches aber irgendwie auch erfülltes Leben. Ein Buch voller Sehnsucht, das durch die Schreibweise Seethalers einen wohltuenden Eindruck hinterlässt.

Was andere dazu meinen:

Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen.
(medimops)

Alessandro D’Avenia, So unergründlich wie das Meer

Viele kennen vielleicht andere Bücher dieses Autors, vor allem seinen großen Erfolg „Weiß wie Milch, rot wie Blut“, wo er sein Einfühlungsvermögen in die Denkweise von Jugendlichen zeigt. Dieses Buch ist etwas anders. Es basiert auf das wirkliche Leben von Pater Pino, einem Priester, der von der Mafia in Palermo ermordet wurden wegen seinen Widerstand gegen die ungerechte Herrschaft einer kriminellen Organisation.

Die Erzählung ist hart, wie das Thema selbst, und zeigt in hervorragender Weise die Probleme einer ganzen Bevölkerung, die in Angst lebt. Aber das Buch enthält auch sehr schöne Stellen, hat eine poetische Sprache und unterstreicht wie die anderen Bücher von D’Avenia die großen Ideale wie Liebe, Freundschaft, Loyalität, Barmherzigkeit, Mitgefühl. Besonders attraktive Figuren sind die Kinder, die im Buch vorkommen.

Was andere dazu meinen:

Frederico hat einen großartigen Sommer vor sich, in wenigen Tagen wird er zu einem Studienaufenthalt nach England aufbrechen. Die Welt steht ihm offen. Doch kommt es zu einer Begegnung, die Fredericos Leben umwirft: Don Pino zeigt ihm das Viertel Brancaccio, das fest in der Hand der Cosa Nostra liegt und von rücksichtsloser Gewalt und bitterer Armut geprägt ist. Dem Jungen wird klar, wie wenig er seine eigene Stadt kennt, ihm eröffnet sich durch Don Pinos Augen und dessen Einsatz für die Menschen des Viertels eine neue Welt. Er beschließt in Palermo zu bleiben und zu helfen. Auch die Mafia, die ihn brutal zusammengeschlagen hat und massiv bedroht, kann ihn nicht abhalten, denn er hat sich in die schöne Lucia verliebt, ein Mädchen des Viertels, deren Liebe unerreichbar scheint.
(Amazon)

Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte

Ein weiteres lesenswertes Buch von Julian Barnes. Ein Film, der auf diese Erzählung basiert ist, verpasst nach meiner Meinung die narrativen Koordinate des Buches.

Anthony (Tony) Webster ist ein geschiedener Mitsechziger der eine zufriedenstellende Beziehung zu seiner ex-Frau und seiner Tochter hat. Ebenso selbstgefällig sind seine Erinnerungen an seiner Schulzeit, an seine erste Freundin Veronica und an seine Jugendfreunde, besonders an den intelligenten Adrian. Tony bewundert in gewisser Hinsicht die Konsequenz von Adrian, der gerne Camus zitierte, als dieser behauptet, Selbstmord sei die einzige echte philosophische Frage, und der seinem Leben mit 20 Jahren ein Ende setzte. Dieses friedliche Leben erfährt einen Umbruch als er den Brief einer Anwältin erhält, wo diese mitteilt, dass Sarah, die Mutter von Verónica, ihm 500 Pounds und ein Dokument, das Tagebuch Adrians, vermacht hat.

Der Roman mit dem unverkennbaren Stil von Barnes ergänzt die lineare Erzählung mit den Gedanken Tonys, der an seinen Erinnerungen und Urteilen festhält bis Verónica und ein Sozialarbeiter ihm über seine Fehlurteile und über die Folgen seiner Handlungen aufklären.

Was andere dazu meinen:

 Wie sicher ist Erinnerung, wie unveränderlich die eigene Vergangenheit? Tony Webster muss lernen, dass Geschehnisse, die lange zurückliegen und von denen er glaubte, sie nie mehr hinterfragen zu müssen, plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Als Finn Adrian in die Klasse von Tony Webster kommt, schließen die beiden Jungen schnell Freundschaft. Sex und Bücher sind die Hauptthemen, mit denen sie sich befassen, und Tony hat das Gefühl, dass Adrian in allem etwas klüger ist als er. Auch später, nach der Schulzeit, bleiben die beiden in Kontakt. Bis die Freundschaft ein jähes Ende findet. Vierzig Jahre später, Tony hat eine Ehe, eine gütliche Trennung und eine Berufskarriere hinter sich, ist er mit sich im Reinen. Doch der Brief eines Anwalts, verbunden mit einer Erbschaft, erweckte plötzlich Zweifel an den vermeintlich sicheren Tatsachen der eigenen Biographie. Je mehr Tony erfährt, desto unsicherer scheint das Erlebte und desto unabsehbarer die Konsequenzen für seine Zukunft. Ein Text mit unglaublichen Wendungen, der den Leser auf eine atemlose Achterbahnfahrt der Spekulationen mitnimmt.

»Wie Barnes allmählich die Selbstzensur in den Erinnerungen seines pensionierten Protagonisten Tony Webster bloßlegt, beweist seine ganze Meisterschaft.« (Süddeutsche Zeitung)

Alice Munro, Tricks

Alice Munro, geboren 1931 in Ontario, gewann den Nobelpreis im Jahre 2013. Sie schreibt vor allem Kurzgeschichten. Nach Wikipedia hat Munro „die Struktur von Kurzgeschichten revolutioniert. Die Geschichten, die sich durch sprachlichen Feinschliff auszeichnen, beginnen oft an einer unerwarteten Stelle, anschließend wird die Erzählung chronologisch rückwärts oder vorwärts entwickelt.“ Dieses Buch ist bezeichnend für ihren Stil: Schilderungen im Detail und in der Totale ergänzen sich, Figuren werden beobachtet, aber nicht kritisiert, so dass der Leser frei ist, sich darauf einzulassen.

Die Protagonisten tauchen teilweise in verschiedenen Erzählungen auf, ohne dass es dabei Wiederholungen oder Widersprüche gibt.

Was andere dazu meinen:

Tricks, acht meisterliche Erzählungen von Alice Munro: Geschichten über Ausreißer, Entscheidungen, Leidenschaften und Verfehlungen. Wieder beweist Alice Munro besonderes Gespür für das Geheimnis ihrer Figuren, jenen rätselhaften Bereich, wo Selbstbetrug auf Hoffnungen, gefährliche Illusionen auf die kleinen Tricksereien des Alltags treffen. Der Leser kommt in ihren Geschichten seinem eigenen Leben so nah, dass er schwindlig wird vor Herzleid und Glück.
(Amazon)

Ian McEwan, Abbitte

Ian McEwan, geboren 1948 in England, behandelt in seinen Romanen Schlüsselthemen des menschlichen Lebens. Hier geht es um Schuld und Sühne, um Hass und um Verzeihung, mit dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Es gibt nicht viele aktuellen Romane, die so realistisch das Gefühl der Schuld und, als Reaktion, die Sehnsucht nach Sühne praktisch beschreiben wie Abbitte.

Briony ist ein junges Mädchen, voller Phantasie, das im Landhaus ihrer Eltern zusammen mit ihrer Schwester Cecilia lebt. Beim Besuch ihres Bruders, der zusammen mit einem Freund sich im Haus aufhält, wird sie Zeugin des Beginns einer Beziehung ihrer Schwester mit Robbie, einem Diener. Als eine Cousine von Briony in der Nacht vergewaltigt wird, redet sie sich ein, der Täter sei Robbie gewesen und beschuldigt ihn. Dadurch kommt Robbie ins Gefängnis und später als Freiwilliger in den Krieg.

Das Mädchen versucht später, das Unrecht wiedergutzumachen, aber es gelingt ihr nicht. In zwei anderen Teilen des Buches erleben wir die Fortführung und das Auseinanderbrechen der Familie, sowie ein letztes Kapitel, das neues Licht über die Geschehnisse und über die Gedanken der dann schon alten und kranken Briony.

Hervorragende Erzählung dieses Autors.

Was andere dazu meinen:

Ein kleines Mädchen beobachtet ihre ältere Schwester, die mit dem Sohn der Putzfrau am Brunnen im Garten steht. Briony kann nicht hören, was Cecilia und Robbie miteinander sprechen. Sie sieht nur, dass ihre Schwester sich plötzlich ihrer Kleidung entledigt und nackt in den Brunnen steigt, während Robbie fasziniert zusieht. Cecilia entsteigt dem Brunnen kurz darauf wieder, streift Bluse und Rock über und geht davon. Robbie entfernt sich in die andere Richtung. Alles, was von der Szene am Pool bleibt, ist eine Wasserpfütze vor dem Brunnen, die in der drückenden Sommerhitze des Jahres 1935 verdunstet. Briony bleibt am Fenster stehen, bis die Pfütze verschwunden ist und kann bald nicht mehr sagen, ob die Szene, die sie beobachtet hat, wirklich passiert ist. Trotz ihrer überbordenden Phantasie – Briony will Schriftstellerin werden und malt sich ständig Geschichten aus – kann sie sich nicht vorstellen, was zwischen Cecilia und Robbie vorgehen mag und was das unerhörte Verhalten Cecilias rechtfertigt. Am Abend diesen heißen Tages gibt Robbie Briony einen Brief für Cecilia. Brionys Phantasie geht mit ihr durch, als sie den Brief heimlich gelesen hat und entsetzt ist über dessen anstößigen Inhalt, den Briony kaum versteht. Briony beschließt, ihre Schwester vor dem Monster Robbie zu beschützen. Der Tag wird für Robbie kein gutes Ende nehmen: Lola, Brionys Cousine, wird im Park des Hauses überfallen und vergewaltigt. Briony sieht den Täter in die Dunkelheit des Waldes fliehen, die Polizei wird gerufen und Briony identifiziert Robbie als den Täter. Die Schreie von Robbies Mutter, als Robbie von der Polizei abgeführt wird, werden jahrelang in Brionys Kopf widerhallen: “ ,Lügner! Lügner!‘ “ rief Grace Turner immer wieder, rannte verzweifelt dem entschwindenden Wagen hinterher, blieb einige Schritte später stehen, die Hände in die Hüften gestemmt, und sah ihm nach, wie er über die erste Brücke fuhr, dann über die zweite und schließlich im Weiß verschwand.“

Ian McEwan thematisiert in seinem Roman „Abbitte“ die Konsequenzen, die Brionys Anschuldigung nicht nur für Cecilia und Robbie, sondern auch für Briony und den Rest der Familie hat. Robbie wird der Vergewaltigung Lolas für schuldig befunden, kommt ins Gefängnis, und sein Wunsch, Medizin zu studieren, rückt in unerreichbare Ferne. Cecilia glaubt Robbies Unschuldsbeteuerungen, sagt sich von ihrer Familie los und wird trotz ihres abgeschlossenen Studiums in Cambridge Krankenschwester in London. Briony träumt weiter ihren extravaganten Traum vom Dasein als Schriftstellerin und kämpft die eigenen Zweifel an ihrer Aussage in den nächsten Jahren verbissen nieder. Das gutbürgerliche Leben, das alle drei vor sich ausgebreitet sahen, wird zur Unmöglichkeit.

Ian McEwan hat seinen Roman dreigeteilt; der erste Teil erzählt in ausufernder, detailgenauer Prosa die Ereignisse jenes schicksalhaften Tages, an dem Briony Robbie der Vergewaltigung beschuldigt; der zweite Teil spielt Jahre später, als Robbie, inzwischen Soldat der britischen Armee, sich durch die Hölle von Dunkirk kämpft und stets Cecilias Briefe vor Augen und ihre Stimme im Kopf hat – „Komm zurück“ -, während Briony sich als Lernschwester in einem Londoner Krankenhaus verpflichtet; der dritte Teil spielt in der Gegenwart, in der Briony sich als alternde Schriftstellerin mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. McEwan leistet sich vier Erzählperspektiven – die des Kindes Briony, die des Soldaten Robbie, die der jungen und schließlich die der alten Briony – und verbindet jede Perspektive souverän mit den anderen. Jede Perspektive ist geprägt von einem eigenen Schreibstil; der erste Teil, erzählt aus der Perspektive des Kindes Briony, das zuckersüß-romantische kleine Theaterstücke schreibt, ist von dem Stil einer Jane Austen geprägt, der im zweiten Teil einer harten, knappen Prosa Platz macht, die sachlich die Schrecken des Krieges beschreibt, während der letzte Teil abgeklärt und altersweise daherkommt. McEwan versteht es, jedem Erzähler eine eigene Stimme zu geben, ohne dem Roman als Ganzem seinen Erzählfluss zu nehmen. Über die Jahre hinweg begreift Briony langsam, dass ihre Zweifel an der Identität des Täters, die sie insgeheim immer gehegt hatte, und ihre Schuldgefühle Robbie und Cecilia gegenüber nicht wie die Wasserpfütze vor dem Brunnen in der Gluthitze verdunsten werden, sondern sich vielmehr wie ein hauchdünner, fast unsichtbarer Bruch durch ihr Leben ziehen – ganz wie bei der wertvollen Vase, von der Robbie und Cecilia am Brunnen ein Stück abbrechen und ins Wasser fallen lassen. Cecilia steigt in den Brunnen, um das Stück herauszufischen und klebt die Vase, ohne dass jemand den Schaden bemerkt. Erst Jahre später zerbricht die Vase auf eine für die Haushälterin der Familie Tallis unerklärliche Weise in tausend Scherben.
(Literaturkritik.de)

Sandor Marai, Die Schwester

Dieses Buch ist eine der Meistererzählungen von Sandor Marai. An zwei verschiedenen Orten begegnen wir einem berühmten Pianisten und sind Zeugen seiner Gespräche und seinen Überlegungen. Es geht um Beziehungen, um den Sinn des Lebens, um Krankheit und Heilung jenseits der klassischen Konzepte von Medizin und Behandlung. Der Kontrast zwischen den so von Angst befreiten, sterbenden Künstler und einer Krankenschwester, ebenfalls krank, beleuchtet die verschiedenen Haltungen, die man einnehmen kann. Über dem ganzen Buch schwebt ein gewisser Pessimismus, der fast alle seine Werke prägt und der das Ende des Schriftstellers ahnen lässt.

Die Romane von Sandor Marai sind nicht unterhaltsam im klassischen Sinne, enthalten aber viel Stoff zum Nachdenken. Ich finde dieses Buch hervorragend.

Was andere dazu meinen:

Verfasst in den letzten ungarischen Jahren vor seinem Exil, ist Sándor Márais Roman »Die Schwester« das Zeugnis einer verhängnisvollen Ménage-à-trois und zugleich eine tief empfundene Psychologie des  Schmerzes.
Der Zufall führt die beiden zusammen: den Erzähler und den berühmten Pianisten Z. In einem Kurort  in den transsilvanischen Bergen begegnen sie sich. Es ist Weihnachten, und eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft verbringt die Feiertage in einem kleinen Gasthof. Schockiert müssen  die Anwesenden zur Kenntnis nehmen, dass sich ein elegantes Liebespaar gemeinsam das Leben  genommen hat. Tief betroffen vertraut der Pianist dem Erzähler ein Manuskript an, aus dem wir von  seiner eigenen großen Liebe erfahren – einer Liebe, die ihn seine Bestimmung finden ließ, für die er aber einen hohen Preis bezahlen musste. Vor dem Hintergrund eines fernen Krieges erzählt Márais dunkel funkelnder Roman von einer unerfüllten Liebe, deren Schmerz unerhörte Folgen hat.
(Amazon)

Der ungarische Schriftsteller Sándor Márai (1900-1989) musste 1948 Ungarn vor den Kommunisten verlassen, exilierte nach Italien und lebte ab 1952 in den USA, wo er sich nach mehreren privaten Schicksalsschlägen 1989 das Leben nahm. Ähnlich wie im Leben des Autors Márai befinden sich auch seine Romanfiguren meist in einer schwierigen Lebenssituation, müssen traumatische Erlebnisse bewältigen oder werden durch ein jäh eintretendes Ereignis aus ihrem bis dato vermeintlich friedlichen Dasein gerissen und von den Schatten der Vergangenheit eingeholt.

„Die Schwester“ ist der letzte noch in Ungarn erschienene Roman Márais, in dessen Mittelpunkt eine fatale Ménage-à-trois rund um den Pianisten Z. steht. Der Erzähler des ersten Teiles des Buches trifft an den Weihnachtsfeiertagen auf den einst weltberühmten Künstler Z. in einem abgeschiedenen Gasthof in den transsilvanischen Bergen. Die Pensionsgäste sitzen dort schon seit geraumer Zeit aufgrund der schlechten Witterung fest, können lediglich langweilige Tätigkeiten im Haus verrichten und hoffen darauf, dass sich endlich eine weihnachtliche Winteridylle einstellt. Nach Tagen des zermürbenden Wartens geschieht plötzlich ein tragisches Ereignis, das eine gewisse Dynamik in die sonst sehr lethargische Gästeschar bringt: Ein auch in der Pension einquartiertes Liebespaar begeht Selbstmord. Durch diese Unglückstat kommt der Erzähler in Kontakt mit dem sehr verschlossen auftretenden Z., und einige vieldeutige Gespräche über die Musik und den Sinn des Lebens folgen.

Doch dann reist Z. unvermittelt ab. Monate später erfährt der Erzähler von Z.’s Tod in einem Sanatorium und erhält überraschenderweise ein handschriftliches Manuskript aus dessen Nachlass. Was nun folgt, ist eine minutiöse Schilderung von Z.’s Leidensweg und die Gründe für sein einstiges Verschwinden aus der Gesellschaft und das Ende seiner künstlerischen Tätigkeit.

Nach einem Konzert in Italien erkrankte er an einer mysteriösen Nervenkrankheit, die aufgrund vielfältiger Lähmungserscheinungen ein plötzliches Karriereende des Pianisten und einen mehrmonatigen Aufenthalt in einem italienischen Krankenhaus nach sich zog. In einer Mischung aus Erinnerungsbruchstücken, einer Vielzahl an tiefschürfenden Gesprächen mit den ihn behandelten Ärzten kommt Z. zu der Erkenntnis, dass die Krankheit als Resultat seiner zwar platonischen, aber fatalen Beziehung zu einer verheirateten Frau zu interpretieren ist. Die Krankheit steht quasi als Metapher für die Lebenslüge von Z. und seine Verstrickung in unheilvolle und aussichtslose Beziehungen. Die darauffolgende Genesung geht nun zwar zügig voran, scheint aber nicht von Dauer zu sein.

Márais Roman aus dem Jahre 1946 ist keine leichte Kost, die man nebenbei liest – es wäre dazu auch zu schade. Der aufmerksame Leser muss sich vielmehr auf die permanent düstere, bedrohliche Stimmung, die mit Metaphorik beinahe überladenen Beschreibungen und die tiefgründigen Gespräche zwischen den Figuren einlassen, um die Faszination in dieser psychoanalytischen Spurensuche eines am Leben und der Welt Verzweifelten zu spüren. „Die Schwester“ ist nicht Márais bester Roman, aber doch ein absolut lesenswertes Stück Literatur des 20. Jahrhunderts, das einen exzellenten Einblick in die Gedanken- und Ideenwelt des ungarischen Schriftstellers ermöglicht und Márais literarisches Erbe vervollständigt.
(Literaturkritik.de)

Sandor Marai, Das Vermächtnis der Eszter

Ohne Zweifel ein Meisterwerk von Sandor Marai. In wenigen Seiten und mit wenigen Worten beschreibt er in großer Tiefe Gefühle und Sehnsüchte, Enttäuschungen und Freuden.

Es geht um Eszter, eine ledige Frau, die ein friedliches Leben führt bis zu dem Augenblick, da ein Freund ihrer Familie diese Ruhe für immer zerstört. Dieser Mann, inzwischen verwitwet, hat vor Jahren Eszter enttäuscht und betrügt, und dann ihre Schwester geheiratet. Der Gaunercharmeur taucht nun nach langer Zeit auf und weckt vom neuen die verdrängten Gefühle in Eszter auf.

Was mir besonders gefallen hat:

Wie in anderen kurzen Erzählungen schafft der ungarische Autor, dem Leser mit wenigen Worten in eine innere Welt von ungeheurer Intensität zu versetzen.

Was andere dazu meinen:

Vor 20 Jahren hat der Hochstapler Lajos, Eszters große und einzige Liebe, nicht nur sie, sondern auch ihre übrige Familie mit Charme und List bezaubert. Eszter hat es ihm nicht verziehen, dass er ihre Schwester Vilma geheiratet hat. Nun kehrt er zurück, um die tragischen Ereignisse von damals zu klären und die offenen Rechnungen zu begleichen. Bei dieser Gelegenheit kommen drei Briefe zum Vorschein, die für Eszter gedacht waren, die sie aber nie erhalten hatte … Nach dem Welterfolg von Sándor Márais Roman »Die Glut« ein weiteres Meisterwerk des großen ungarischen Autors.
(Medimops)

»Mit großem Geschick, in einer aufs Wesentliche verknappten und suggestiv aufgeladenen Sprache, verknüpft Sándor Márai die Fäden einer desaströsen Liebes- und Lebensgeschichte, die in einem existenziellen Kampf gipfelt, den die Frage bestimmt: Wird Lajos wieder siegen und seinen letzten großen Betrug erfolgreich abschließen?«
Süddeutsche Zeitung

Leila Slimani, Dann schlaf auch du

Diese schockierende und gleichzeitig zarte Erzählung spricht wichtige Themen an: die Konflikte die entstehen, wenn sich Familienleben und Karrieredenken nicht vertragen, die unbewusste Ausbeutung von Personen, das anonyme Leben in den großen Städten und die interkulturellen Probleme.

Leila Slimani, in Rabat zu Beginn der 1980 Jahre geboren, lebt in Frankreich und hat wichtige Preise gewonnen. Sie ist die Stimme einer ganzen Gesellschaftsgruppe. Dieses ist ihr zweites Buch, immer eine Herausforderung für einen Schriftsteller.

Louise arbeitet als Kindermädchen für ein erfolgreiches Ehepaar mit zwei Kindern. Sie stammt aus prekären Verhältnissen und wohnt in einem Vorort von Paris, kulturell ganz weit weg vom 10. Arrondissement ihrer Arbeitgeber. Die strenge, fast sachliche Schreibweise, tangiert die latenten Probleme des Rassismus, der Unterdrückung, der Ungleichheit und des Erfolgsdrucks nur indirekt. Die Autorin versucht nicht, ihre Protagonisten in ein bestimmtes Licht zu rücken oder zu verurteilen, sondern überlässt dies dem Leser. Das Buch endet schlecht, aber das wird bereits auf der ersten Seite klar.

Was mir gefallen hat:

Die Intensität der Erzählung, obwohl das Ende schon nach wenigen Zeilen bekannt ist, und die sachliche Schreibweise, die dem Leser überlässt, sich auf das Thema gefühlsmäßig einzulassen.

Was andere dazu meinen:

Sie wollen das perfekte Paar sein, Kinder und Beruf unter einen Hut bringen, alles irgendwie richtig machen. Und sie finden die ideale Nanny, die ihnen das alles erst möglich macht. Doch wie gut kann man einen fremden Menschen kennen? Und wie sehr kann man ihm vertrauen?

Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Sie ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich Louise zu verlieren droht. Bis eines Tages die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Ebenso unaufhaltsam wie schrecklich.
(Amazon)

Tania Blixen, Babettes Fest

Viele kennen den Film, der auf diese Erzählung basiert. Das Buch ist aber noch besser. Tania Blixen, eins der pseudonyme, die Karen Blixen benutzte (auch bekannt als Isak Denisen), beschreibt in diesem kurzer Erzählung die Geschichte eines freikirchlichen Pfarrers und seiner zwei Töchter, Martina und Philippa.

Die zwei jungen Frauen leben mit ihrem charismatischen Vater in einer kleinen Ortschaft an der Küste. Sie widmen ihr Leben dem Dienst an der Gemeinde und der Unterstützung des Werkes ihres Vaters, was sie nach dessen Tod fortsetzen. So verzichten sie auf die Gründung einer Familie und auf eine vielversprechende Karriere als Sängerin. Eines Tages taucht im Dorf eine Frau auf, die auf der Flucht von den Wirren einer Revolte in Frankreich flieht. Sie beginnt, als Köchin und Haushaltshilfe zu arbeiten und bringt eine Sicht mit, die die puritanischen Schwestern nicht kennen.

Was andere dazu meinen:

Bescheidenheit, Lebensernst und Askese bestimmten den Alltag im streng pietistischen Haushalt der Schwestern Philippa und Martine. Da lädt ihre Magd, die ehemalige Starköchin Babette, zu einem französischen Diner – und beweist auf überraschende Weise, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Tania Blixens (1885-1962) lukullisches Märchen feiert den Zauber gemeinsamer Tafelfreuden.
(Medimops)

Tania Blixens Geschichten sind Perlen moderner Erzählkunst
Jahrelang hat Babette in der Lotterie gespielt, bis ihr eines Tages das Glück hold ist. Mit dem Gewinn richtet die Meisterköchin in dem abgelegenen norwegischen Dorf ein Festmahl aus, dessen lukullische Verführungskunst die Gäste für ein paar Stunden in den Himmel erhebt. Mit der anrührenden Erzählung »Babettes Fest« ist Tania Blixen ein literarisches Glanzstück gelungen, das ihren Ruf als große Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts mitbegründet. In diesem Band sind alle fünf »Schicksalsanekdoten«, wie die Autorin den Band betitelte, versammelt. Sie bezeugen, dass Blixens Texte, ihre Lebensthemen und Stoffe, das Exotische, das Märchen- und Legendenhafte dank der bildkräftigen Beschreibungskunst heute noch so lebendig sind wie eh und je.
(Lovelybooks)

Alina Bronsky, Und du kommst auch drin vor

Alina Bronsky ist eigentlich Russin, lebt aber seit ihrer Jugend in Deutschland, wo sie als Journalistin und Texterin arbeitet. Diese Erzählung, als Jugendbuch geschrieben, ist sehr angenehm zu lesen. Ein Mädchen entdeckt beim sonst langweiligen Literaturkurs, dass das gewählte Buch seine eigene Lebensgeschichte erzählt. Als sie das Ende liest, ist sie entsetzt und versucht, dieses zu ändern.

Die Idee des Buches ist sehr originell, und die Ausarbeitung angemessen für ein jüngeres Publikum.

Was andere dazu meinen:

Seit der ersten Klasse sind Kim und Petrowna beste Freundinnen. Petrowna fällt immer und überall auf, während Kim sich zurückhält. Doch das ändert sich schlagartig, als ihre Klasse zu einer Lesung geht. Fast niemand hört der Autorin zu, außer Kim – denn die Frau liest ihre Geschichte vor! Die Namen und ein paar Details stimmen nicht, aber der ganze Rest. Und ihre Geschichte geht nicht gut aus – zumindest nicht für Jasper, für den ein Wespenstich tödlich endet. Um das zu verhindern, stellt Kim ihr Leben völlig auf den Kopf