Archiv der Kategorie: Historische Romane

Irène Némirovsky, Suite Française

Das Meisterwerk der russisch-jüdischen Schriftstellerin Némirovsky, von der wir schon andere Werke in dieser privaten Sammlung gelesen haben. Es beschreibt mit viel Detail und Empathie eine etwas unrühmliche Episode der französischen Geschichte: die Kapitulation vor den deutschen Truppen ohne nennbaren Widerstand und die Aufgabe von Paris, was zu einer völlig unkoordinierten Flucht aus der Hauptstadt führt. Die Tatsache, dass das Manuskript mehr als 60 Jahre lang unerkannt blieb, hat sicherlich zum Erfolg dieser wenig bekannten Autorin fast sieben Jahrzehnten nach seinem Tod beigetragen.

Was andere dazu meinen:

Sommer 1940: Die deutsche Armee steht vor Paris. Voller Panik packen die Menschen ihre letzten Habseligkeiten zusammen und fliehen. Angesichts der existenziellen Bedrohung zeigen sie ihren wahren Charakter…

Der wiederentdeckte Roman „Suite française“ von Irène Némirovsky wurde 2005 zur literarischen Sensation. Über 60 Jahre lag das Vermächtnis der französischen Starautorin der 30er Jahre unerkannt in einem Koffer – bis der Zufall dieses eindrucksvolle Sittengemälde aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wieder ans Licht brachte.

Carlo Levi, Christus kam nur bis Eboli

Der italienische Autor Carlo Levi, ein Vertreter des Neorealismus, wurde 1935 wegen seiner antifaschistischen Aktivitäten in eine kleine Stadt in den Bergen hinter Salerno verbannt. Viele Jahre später schrieb er seine Erinnerungen an dieser Zeit in einer — um den Namen des Buches zu erklären — gottverlassenen Gegend Süditaliens.

Carlo Levis Erzählung ist Klage und Liebeserklärung an die Leute dieser Gegend, die Religion und Aberglaube mit derselben Selbstverständlichkeit verbindet mit der Resignation und Solidarität mit den Räubern gerechtfertigt.


Was andere dazu meinen:

Leben in Mezzogiorno

Die große literarische Dokumentation des italienischen Südens – ein Klassiker des italienischen Neorealismus. Lukanien, ganz unten am Stiefel. Dort, wo Eisenbahn und Straße die Küste von Salerno verlassen, liegt Eboli, und dahinter beginnt der Mezzogiorno, dessen Bewohner sagen: »Wir sind keine Menschen, keine Christen, wir sind Tiere, denn Christus kam nur bis Eboli, aber nicht weiter, nicht zu uns.« In diese gottverlassene Gegend bringen im Spätsommer 1935 zwei Carabinieri den Turiner Arzt Carlo Levi. Er ist ein confinato politico, einer, den das Regime wegen seiner antifaschistischen Aktivitäten aus der Großstadt in die Verbannung schickt. Ernste und von Malaria ausgezehrte Gesichter blicken ihm entgegen. Die Kargheit der von der Zivilisation unberührten Landschaft findet Ausdruck in der resignativen Haltung der Bauern und ihrer Schicksalsergebenheit. Levi gewinnt jedoch die Zuneigung dieser Menschen, als er den anscheinend sinnlosen Kampf gegen die Malaria aufnimmt. In den zwei Jahren seines Zusammenlebens mit ihnen betreut der Arzt Levi die Kranken, der Schriftsteller und Maler in ihm porträtiert Jahre später die Landschaft und ihre Menschen: Eindringlich erfaßt Carlo Levi das archaische Leben im Mezzogiorno, den Alltag dieser Bauern, ihre Kümmernisse und Krankheiten, aber auch ihre Feste, ihre geheimen Hoffnungen und Wünsche. Doch nach seiner Abreise sinken die Menschen in ihr dumpfes Dasein zurück. »Es regnet auf den, der schon naß ist«, sagt man in dieser Gegend.

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Maggie O‘Farrell, Judith und Hamnet

Die Autorin wagt hier, eine Episode aus dem Leben Shakespeares zu erzählen, mit großem Respekt vor den bekannten Lebensdaten des Literaten. Agnes ist eins der genannten Namens der Frau, Hamnet (oder Hammlet) und Judith die von zwei der drei Kindern. Die Autorin beschreibt die beengten Lebensverhältnisse der Familie in Strattford-upon-Avon, die Abhängigkeit von den Schwiegereltern und die langen Aufenthalte Shakespeares in London, wo er versucht, eine finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Sehr schöne Erzählung.


Was andere dazu meinen:

Agnes sieht ihn und weiß: Das wird er sein. Dabei ist der schmächtige Lateinlehrer aus Stratford-upon-Avon noch nicht einmal achtzehn. Egal, besser, sie küsst ihn schnell. Besser, sie erwartet ein Kind, bevor ihr einer die Heirat verbieten kann. Vierzehn Jahre später sind es drei Kinder geworden. Doch wie sollen sie auskommen, solange ihr Mann wer weiß was mit diesen Theaterstücken treibt? Er ist in London, als Agnes im Blick ihres Sohnes den Schwarzen Tod erkennt.

»Einer der berührendsten Romane, den ich seit Jahrzehnten gelesen habe.« Mariella Frostrup, BBC Radio 4

Jonathan Coe, Mr. Wilder und ich

Der britische Schriftsteller Jonathan Coe widmet diesen unterhaltsamen Roman dem berühmten Filmregisseur Billy Wilder und seinem Drehbuchautor „Iz“ Diamond. Er verwendet eine fiktive Figur, die Bandkomponistin Calista Frangopoulou, die er durch eine zufällige Einladung zum Abendessen in Los Angeles in die Welt des Films und insbesondere in die Welt von Wilder einführt. Von dort aus tritt die Protagonistin und Erzählerin im Film Fedora als Darstellerin auf und entdeckt ihre musikalische Berufung. Die Geschichte der Dreharbeiten, die in den späten 1970er Jahren spielt, ist als Rückblende in eine viel spätere Geschichte eingebettet, in der Carlista verheiratet ist und zwei Töchter hat, und zwar zu einem für das Paar entscheidenden Zeitpunkt, als eine der beiden Töchter zum Studium nach Australien geht und die andere über eine Abtreibung nachdenkt, da sie sich nicht in der Lage fühlt, Mutterschaft und Studium zu vereinbaren.

Die Lektüre ist höchst vergnüglich, mit einer Vielzahl von Anekdoten über die Filmwelt der 1970er Jahre, über ihre Protagonisten und über den wesentlichen Unterschied, den ein Krieg in der Mentalität von Menschen macht, die ihn erlebt oder durchlitten haben, und solchen, die ihn nur aus Referenzen kennen. Zwei Highlights sind eine Erzählung von Wilder, die in Form eines Drehbuchs aufgezeichnet wurde, und ein Aufenthalt von Wilder mit dem Protagonisten in Meaux, dem Geburtsort des berühmten Brie-Käses.

Ich finde, es ist ein sehr empfehlenswerter Roman.

Was andere dazu meinen:

In seinem neuen Roman zeichnet Bestseller\-Autor Jonathan Coe ein faszinierendes Porträt der Hollywood\-Legende Billy Wilder. Los Angeles, Sommer 1976: Durch einen verrückten Zufall lernt die junge Athenerin Calista einen witzigen Herrn mit österreichischem Akzent kennen, ohne zu ahnen, dass es das Kino\-Genie Billy Wilder ist, Schöpfer von unsterblichen Filmen wie Manche mögen’s heiß. Die Begegnung wird ihr Leben verändern. Als Dolmetscherin begleitet sie den Regisseur und seine glamouröse Filmcrew auf die verschlafene griechische Insel Madouri, wo er seinen vorletzten Film Fedora dreht, dann weiter nach München und Paris. Während es für sie eine traumwandlerische Reise ist, sieht sich der jüdische Exilant Wilder mit seiner Geschichte konfrontiert. Mit grandiosem Witz und feiner Ironie zeichnet Coe ein schillerndes Bild des Meisters der Komödie.

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Swetlana Alexijewitsch, Zinkjungen

Dieser Roman der Literaturnobelpreisträgerin von 2015, der Weißrussin Swetlana Alexijewitsch, ist durch den russischen Einmarsch in der Ostukraine wieder aktuell geworden. Alexievich sammelt mit einem sehr verbreiteten literarischen Mittel die Zeugnisse von Kämpfern, Ärzten und Krankenschwestern, Armeeangehörigen, Ladenbesitzern und ihren Familien, die alle an einem Krieg beteiligt waren, der von den Russen nicht als solcher anerkannt wurde.

Alexievich versteht es, die Texte so anzuordnen und auszuwählen, dass ein besonderer Eindruck entsteht. Die Soldaten, die nach Afghanistan gingen und von ihren Vorgesetzten getäuscht wurden, fanden sich in einer Kriegssituation wieder, auf die sie nicht vorbereitet waren, und kämpften gegen ein ganzes Volk, das einen Guerillakrieg führte. Wie so oft in diesen Konflikten gab es Helden, Feiglinge, Sadisten, Menschen, die reich wurden, andere, die verrückt wurden, wieder andere, die nach ihrer Rückkehr in Depressionen verfielen und zum Gegenstand der Kritik einer ganzen Gesellschaft wurden, die sie nicht als Helden des Vaterlandes betrachtete, wie es in anderen Kriegen der Fall war.

Der Name „Zinker“ stammt von den Särgen, die für die Rückführung der Kriegstoten verwendet wurden. Das Buch enthält Zeugenaussagen, Artikel und Aufzeichnungen verschiedener Personen im Zusammenhang mit der Klage eines Militärfahrers und der Mutter eines im Einsatz gefallenen Soldaten. Dieser Prozess hat natürlich indirekt zum Erfolg des Romans beigetragen.

Swetlana Alexijewitschs Botschaft ist klar: Krieg hat nichts mit den Heldenfiguren zu tun, die die militärische Tradition vielerorts preist. Und die durch den Krieg verursachten Schäden beschränken sich nicht auf die Schäden und die Verwundeten und Toten.

Eine interessante Lektüre, aber sehr anstrengend.

Was andere dazu meinen: Zinkjungen: So wurden im sowjetischen Afghanistankrieg die gefallenen Soldaten genannt. Ihre Leichen durften den Angehörigen nur in zugeschweißten Zinksärgen übergeben werden. Das Wort steht exemplarisch für die Verschleierungspraxis der Sowjetunion, die alles dafür tat, die brutale Realität des zehnjährigen Krieges geheim zu halten. Swetlana Alexijewitsch hat mit Soldaten, Müttern, Witwen und Krankenschwestern gesprochen und verarbeitet die Augenzeugenberichte in ihrem »Roman der Stimmen« zu einem erschütternden Antikriegsbuch. Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch dokumentiert den universellen Wahnsinn des Krieges und seine verheerenden Auswirkungen auf ihre Gesellschaft – in Zeiten von weltweit auflodernden Krisenherden ist dieses Buch aktueller denn je. »Beharrlich, furchtlos, ergreifend.« Karl Schlögel, Laudatio zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2013 (medimops)

Was ist dieser Blog?

Lieber Bücherfreund!
Hier findest Du eine Liste von Büchern, die ich für lesenswert halte. Sie erhebt weder Anspruch auf Allgemeingültigkeit noch auf Vollständigkeit. Ich gehe davon aus, dass die Besucher dieser Seite sich in der Weltliteratur zu Hause fühlen und gerne lesen. Hier sind nur Bücher aufgeführt, die ich selbst gelesen habe, die relativ aktuell sind oder die, wenn sie schon älter sind, noch nicht allgemein bekannt sind.

Ich bin mit Büchern und Lesern aufgewachsen. Als ich anfing, meinen Lebensunterhalt mit der Bearbeitung von Sprachen und Inhalten zu verdienen, las ich besonders viel aktuelle spanische Literatur und spanische Übersetzungen von Werken aktueller Autoren. Ich begann auch bald, zu jedem Buch eine kurze Rezension zu schreiben. Einfach so, für mich, und auf Spanisch. Daraus entstand mein erster Blog, den ich mit meinen Geschwistern aufbaute: libros.canals.de.

Dieser zweite Blog auf Deutsch entstand, als mich immer mehr Freunde und Bekannte nach guten Büchern fragten. Es kann sein, dass die Texte sprachlich nicht ganz fehlerfrei sind. Dafür sind die Bücher, die ich hier empfehle, umso besser.

Viel Spaß beim Stöbern und Lesen.
Javier