Archiv der Kategorie: Glauben

Susanna Tamaro, Geh, wohin dein Herz dich trägt

Das wohl bekannteste Buch der italienischen Schriftstellerin Susanna Tamaro bedarf kaum einer Vorstellung. Das von vielen missverstandene Buch wurde sofort ein Bestseller und verhalf der Autorin zu verdientem Weltruhm. In meinem Blog habe ich andere Werke Tamaros besprochen, darunter auch eine Art Fortsetzung dieses Buches mit dem Titel Erhöre mein Flehen.

Olga ist eine ältere Dame aus Italien, die sehr an ihrer Enkelin hängt. Diese ist nach Amerika ausgewandert, auch um den von ihr empfundenen familiären Zwängen zu entfliehen. Um den Kontakt nicht abreißen zu lassen, beginnt sie regelmäßig zu schreiben und eine Art Tagebuch zu führen, in dem sie voller Güte, Weisheit und Liebe versucht, das Herz ihrer Enkelin und damit auch das ihrer Leser zu erobern.

Ganz im Gegensatz zu dem, was manche Kritiker über dieses Buch geschrieben haben, handelt es sich keineswegs um ein sentimentales Werk voller altertümlicher Lebensweisen. Es ist viel mehr, wie die Frankfurter Rundschau schrieb: „Ein von orientalischen Vorstellungen geprägter Roman: die Idee vom Menschen als Ganzheit von Intellekt und Gefühl. Ein unsentimentales Plädoyer für die Rehabilitierung der Gefühle, für die Wiederentdeckung des Herzens“.

David Baldacci, Das Versprechen

Der 1960 geborene amerikanische Schriftsteller David Baldacci hat mit einigen seiner Romane und Serien große Erfolge gefeiert. Er stammt aus Richmond, Virginia (USA) und fängt in diesem Werk Erinnerungen und Geschichten aus dem ländlichen Virginia in den Ausläufern der Appalachen ein.

Lou und Oz sind ein Mädchen und ein Junge im Alter von 12 bzw. 7 Jahren, die nach einem Autounfall, bei dem ihr Vater ums Leben kam und ihre Mutter im Koma lag, zu Waisen wurden. Sie ziehen von New York auf eine Bergfarm in Virginia, wo ihre Urgroßmutter Louisa Mae, die Großmutter ihres Vaters, lebt. Louisa ist keineswegs eine hilflose alte Dame, sondern eine starke Frau, die sich seit Generationen um die Farm ihrer Familie kümmert. Schon bald lernen die beiden Kinder die frische Luft, den Wechsel der Jahreszeiten und die lohnende Arbeit im direkten Kontakt mit der Erde und den Elementen zu schätzen.
Zu den üblichen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten eines kleinen Bauernhofes gesellen sich die Habgier eines Nachbarn und die Manipulationen eines Erdgasunternehmens.

Die Geschichte ist liebenswert und zeigt die wahren Persönlichkeiten der Protagonisten. Die jäh unterbrochene Kindheit der beiden Kinder verbindet sich mit der natürlichen Freundlichkeit von Diamond, einer verwaisten Nachbarin, und der unschätzbaren Hilfe eines Landanwalts, der die Situation, in der sie sich befinden, versteht.

Ein sehr guter Roman, der trotz des vorhersehbaren Endes fesselt.

Die Meinung der anderen

Mit „Das Versprechen“ hat Bestsellerautor David Baldacci einen fesselnden Roman geschrieben, der den Leser in das ländliche Amerika der 40er Jahre versetzt. (Amazon)

Joel Dicker, Die letzten Tage unserer Väter

Joel Dicker, geboren in Genf (Schweiz), ist trotz seiner Jugend einer der erfolgreichsten Schriftsteller Europas. Viele seiner Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und erreichten die Spitze der Verkaufscharts. Ich habe eine persönliche Meinung zu seinen Werken, die im Allgemeinen positiv ist, aber mit Einschränkungen. Vor allem finde ich seine Thriller zu „künstlich“, mit einer Handlung, die mit dem Leser spielt und ihn verwirrt, um ihn daran zu hindern, das Rätsel selbst zu lösen. Dies ist in einigen seiner Romane deutlicher als in anderen.

Vor seinem Durchbruch mit Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert hatte Dicker bereits zwei Werke geschrieben: Der Tiger, der bei einem Schulwettbewerb abgelehnt wurde, weil man die Erzählung für einen so jungen Autor für zu anspruchsvoll hielt, und Die letzten Tage unserer Väter, der zunächst von vielen Verlagen abgelehnt wurde, bevor er schließlich einen lokalen Preis in Genf gewann.

Die Handlung: Auf Initiative von Churchill wird 1940 ein Sondereinsatzkommando SOE gegründet, das sich aus jungen Leuten aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern zusammensetzt, um die deutsche Militärmacht von innen heraus durch Sabotage, schwarze Propaganda, Desinformation und sogar direkte Kriegsführung zu bekämpfen, teilweise in Zusammenarbeit mit dem Widerstand in diesen Ländern. Der Roman zeigt und begleitet eine Gruppe von Franzosen, die in ihrem Land rekrutiert und zur Ausbildung nach London geschickt werden. Einige Figuren sind unvergesslich, wie (um ihre Kampfnamen zu verwenden) Pal, Gros, Cucu oder Laura. Andere sind weniger gelungen.

Bei allem Respekt für den Autor, den Übersetzer und die vielen Dicker-Fans: Ich finde den Roman unausgereift. Das Buch ist gut recherchiert und der Autor gibt sich Mühe, die verschiedenen Figuren zu charakterisieren, aber er überzeugt mich nicht ganz. Möglicherweise sehen andere Leser das anders. Auf jeden Fall kann man in diesem Buch schon die Qualitäten erkennen, die den Autor auf die Bestsellerlisten gebracht haben.

Michael O’Brien, Father Elijah: Eine Apokalypse

Daniel Schäfer, ein Warschauer Jude, kam als einziges Familienmitglied nicht in Auschwitz um. Nach dem Krieg zog er nach Israel, wurde Anwalt, heiratete Ruth, die bald bei einem Anschlag starb – „die unerbittlich leeren Jahre begannen”. Er konvertiert zum Christentum, wird Karmelitermönch und heißt von Stund an Elijah. Seine Zuneigung gilt der Archäologie und der apokalyptischen Fachliteratur. Sein Blick ist meist verhangen, er fühlt sich alt und müde. Dennoch ruft der Papst ihn nach Rom, um den Untergang der Christenheit zu verhindern. Der neue Präsident der Europäischen Union will eine „globale Zivilisation” errichten. In diesem Kampf sind neben Elijah und dem „Präsidenten“ (er bleibt namenlos – das Böse hat keinen Namen) noch zwei weitere Figuren wichtig: Anna Benedetti, als naturrechtlich argumentierende Richterin eine agnostische Verbündete Elijahs, und ein Kardinal, der die Kirche zu einem Hort der neuen Weltordnung machen will. Unter dem – bekanntlich keineswegs erfundenen – Banner des Dialogs und des Aggiornamento soll der christliche Glaube zur bloßen Weltanschauung werden, ohne Gebet, ohne Sakramente, ohne Erinnerung. Das außergewöhnliche und außergewöhnlich bekenntnisfreudige, nur momentweise kitschige Buch endet dann aber nicht mit Donner und Gloria, sondern leise, wie es begann – und ergo apokalyptisch, erscheint doch „die reale Apokalypse als Normalität, weil wir mittendrin sind.”

Der Kanadier Michael D. O‚Brien, 1948 in Ottawa geboren, war als Jugendlicher Agnostiker bis er im Alter von 21 Jahren zum Katholizismus konvertierte. Autodidakt ohne akademischen Hintergrund begann er fünf Jahre später auf Drängen seiner Frau, sich in seiner – meist bildnerischen –Kunst religiösen Themen zuzuwenden. Erst im Alter von 46 Jahren begann er zu schreiben. 1996 wollte er in einem dystopischen Roman eine buchstäbliche Apokalypse, begriffen als frei und oft martialisch herbeifabulierte Endzeitphantasie, wie sie real aussehen könnte, schaffen. So entstand ein Bestseller, der mittlerweile zum Curriculum einiger US-amerikanischen Universitäten zählt: Ein katholischer Mystery-Thriller.

Michael O’Brien hat heute sechs Kinder und lebt mit seiner Familie in Combermere, Ontario, Kanada.

Was mich an dem Roman – den mir eine Universitäts-Professor empfohlen hat, der weit davon entfernt ist, auch nur im mindestens kampf-konservativ, reaktionär oder katholisch-fundamentalistisch zu sein – fasziniert hat ist, dass er in gewissem Sinn trotz der ureigentlich religiösen Thematik ganz laikal bleibt, ja zuweilen wie ein gewendeter Dan Brown rüberkommt. Natürlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Hugh Benson’s „Der Herr der Welt“ im Hintergrund Pate gestanden hat.

Was die anderen dazu meinen:

„ … beachtlich an diesem katholischen Thriller, ist, wie gut er unterhält, wie selten er ins Kitschige abgleitet und wie geschickt er seine Figuren konturiert.“ (Süddeutsche Zeitung)

Alfred Bodenheimer, Kains Opfer

Dieser Roman, der erste einer Reihe von Erzählungen mit denselben Protagonisten, wurde in der Schweiz mit einem renommierten Preis ausgezeichnet.
Gabriel Klein ist Rabbiner einer jüdischen Gemeinde in Zürich. Kurz nach den wichtigsten Feiertagen im jüdischen Kalender wird ein prominentes Gemeindemitglied, ein beliebter Lehrer an der Zürcher Konfessionsschule, tot aufgefunden. Der Rabbiner wird vom ermittelnden Kommissariat um Hilfe gebeten und findet Hinweise, die zur Verhaftung eines Verdächtigen führen, dessen Frau offenbar ein Verhältnis mit dem Toten hatte. Seine Kontakte zu Mitgliedern der jüdischen Gemeinde führen ihn zu weiteren Verdachtsmomenten und Schlussfolgerungen, denen er außerhalb der offiziellen polizeilichen Ermittlungen nachgeht. Mit ungeahnten Folgen.
Neben der Kriminalhandlung hat der Roman den zusätzlichen Reiz, den Leser in die Welt des Rabbiners und seiner Familie einzuführen, einschließlich eines Aufenthalts in Israel, wo er den Sohn einer ihm bekannten Familie besucht, der an einer orthodoxen jüdischen Universität studiert.
Der Autor, Professor für jüdische Literatur und Religionswissenschaft in Basel, versteht es, den Verlauf einer kriminalistischen Ermittlung mit der Interpretation biblischer Texte und der Darlegung jüdischer Bräuche und Riten zu verbinden. Der Roman ist eine unterhaltsame und informative Lektüre, die Lust auf die bereits erschienenen Fortsetzungen macht.

Was die anderen dazu meinen:

»Der erste garantiert koschere Lokalkrimi.« (Charles Lewinsky)

»Bodenheimer bettet die Suche nach der Wahrheit sehr gelungen in Traditionen der jüdischen Geisteswelt ein.« (focus.de)

Kim Ho-Yeon, Frau Yeoms kleiner Laden der großen Hoffnungen

Der Autor dieser bezaubernden Geschichte ist ein vielseitiger koreanischer Schriftsteller, der Werke in verschiedenen Genres veröffentlicht hat. Der Roman, der im ersten Jahr der Pandemie spielt, erzählt liebevoll eine Geschichte über Verständnis, Zusammenleben und menschliches Miteinander. Das Buch, das in der Originalsprache 2021 erschien, war in vielen Ländern ein großer Erfolg.

Ein unbekannter Obdachlose, den seine Mitstreiter rund um dem Hauptbahnhof von Seoul Dokgo nennen, findet eines Tages einen Etui mit den Dokumenten und der Brieftasche von Frau Yeom, einer pensionierten Lehrerin, die Opfer eines Raubs gewesen ist. Frau Yeom betreibt in einem Vorort von Seul einen 24-Stunden-Laden, wo man neben Lebensmittel auch andere Produkte rund um die Uhr kaufen kann. Dokgo leidet an einer alkoholbedingten Amnesie und sein einziges Ziel ist es, heil durch den Winter zu kommen. Er findet die Daten von Frau Yeom in ihrem Unterlagen und ruft sie an, um ihr ihr Eigentum zurückzugeben. Die dankbare Lehrerin nimmt ihn mit in ihren Laden und gibt ihm das Recht, jeden Tag dort etwas zu essen zu bekommen, unter der Bedingung, dass er aufhört zu trinken. Dokgo nimmt das Angebot an und wird bald Nachtwächter des Ladens. Dort entwickelt er eine erstaunliche Fähigkeit, sich der Probleme anderer Personen, sowohl Kunden als auch Mitarbeiter, anzunehmen. Nach und nach werden außerdem die Erinnerungen an seiner Vergangenheit wach, die er hinter sich gelassen zu haben glaubte.

Der deutlich asiatisch geprägte Ton der Erzählung ist gelassen, teilweise humorvoll, mit sehr detaillierten Beschreibungen der Orte und der Personen. Der Autor schildert die Problemen und Sehnsüchten der Hauptfiguren und betont immer wieder, wie wichtig es ist, auf die anderen einzugehen und die positive Seite aller Situationen zu finden. Manchmal wirkt die Erzählung ein wenig „naiv“ trotz der realistischen Darstellung. Ich habe die Lektüre auf Spanisch richtig genossen.

Was die anderen dazu meinen:

„Ein einfühlsamer, leicht erzählter Roman aus einer fernen Welt – fremd und uns doch so nah.“ NDR Kultur, 03.01.2024

Ivan Sciapeconi, Die Kinder des Don Arrigo

Die Shoah ist und bleibt eine unerschöpfliche Quelle von Themen und Handlungen für die Literatur. Zu Recht, wie ich zu sagen wage, ohne die anderen Katastrophen zu vergessen, an denen die jüngere Geschichte, insbesondere das 20. und der Beginn des 21. Jahrhunderts, besonders reich ist.

Das Buch von Ivan Sciapeconi, Grundschullehrer und Autor von Kinder- und Jugendbüchern, hat das besondere Etwas von den Werken, die auf wahren Ereignissen beruhen. Aus der Perspektive des fiktiven jüdischen Jungen Natan aus Berlin, schildert es die Odyssee einer Gruppe von Juden, vor allem Kindern, die aus Deutschland mit Hilfe eines Netzwerks von Freiwilligen fliehen, die unter Einsatz ihres Lebens nach Wegen suchen, diese Flüchtlinge nach Eretz Israel, also nach Palästina, zu bringen, wo der Staat Israel noch nicht offiziell existiert. Der Weg führt erstmal über Österreich und das ehemalige Jugoslawien nach Italien. Kurz nach ihrer Ankunft in Nonantola, in der Nähe von Modena, finden sie Unterkunft in der Villa Emma, einem Herrenhaus am Rande des Dorfes, wo sie von den neugierigen Bewohnern, allen voran dem Arzt und dem katholischen Pfarrer Don Arrigo, aufgenommen wurden. Bald wird ihnen klar, dass ihre Lage alles andere als sicher ist: Die amerikanischen Truppen sind auf dem Vormarsch durch Italien, die Deutschen halten das nach dem Rücktritt Mussolinis und der Flucht des Königs kopflose Italien besetzt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die SS sie aufspürt und in eines der Todeslager deportiert.

Das Buch ist in einem einfachen Ton geschrieben, der ein wenig die Mentalität des jungen Natan widerspiegeln soll, der nach und nach vom Verlust seiner ganzen Familie erfährt: zuerst seines Vaters, dann seiner Mutter, seines Bruders und schließlich auch seines Onkels. In seinen Träumen erscheinen ihm oft die Mitglieder seiner Familie, jedes mit seinen eigenen Merkmalen. Die Figuren der Helfer, wie der Pfarrer und der Arzt, sind etwas verschwommen, entweder aus Mangel an Daten oder aus Respekt vor realen historischen Figuren. Dennoch wird die Haltung der Einwohner von Nonantola auf den Seiten des Buches deutlich. Es ist keine angenehme Lektüre, da das Thema dies nicht zulässt, aber es fängt die Situation der Flüchtlinge gut ein, ein Thema, das heute noch so aktuell ist. Empfehlenswert.

Die Meinung der anderen:

»Die Shoah gehört wohl zu den in der Literatur am meisten behandelten Themen, und doch schafft es der Protagonist, Leserinnen und Leser zu überraschen und mitzureißen.« Elle
»Der Roman wurde gegen das Vergessen geschrieben und um die Erinnerung an diejenigen zu ehren, die  im Zweiten Weltkrieg Menschen gerettet haben.« Gazzeta di Modena
»Mitreißend und bewegend – eine Hommage an die kleinen Protagonisten des Romans, an ihre Begleiter und natürlich an Nonantola, das Dorf, in dem die Kinder versteckt wurden.« Il Piccolo

Alberto Vázquez-Figueroa, Tuareg

Ein intensiver Roman über das Volk der Tuareg, seine Bräuche, seine Gesetze und die unerbittlichen Konflikte, die sich aus der Begegnung mit der modernen Zivilisation ergeben.

Die Hauptfigur ist Gacel Sayah, ein Tuareg, der in der Wüste Sahara lebt. Eines Tages wird er von zwei Flüchtlingen um Hilfe gebeten, die er aus Gastfreundschaft bei sich aufnimmt. Kurz darauf kommen Soldaten in sein Lager, töten einen seiner Gäste und verschleppen den zweiten. Gacel fühlt sich gezwungen, den Toten zu rächen und dem Fremden, den er in seinem Lager beherbergt hatte, zu helfen. Dafür muss er sich mit anderen Tuaregs, die seinen Ehrenkodex teilen, mit der Armee und sogar mit einem ganzen Volk anlegen. Ohne es zu wissen, wird er in die turbulente Geschichte einer aufstrebenden Republik hineingezogen.

Wunderbare Beschreibungen des Lebens in der Wüste, des Überlebens in einer feindlichen Umwelt, der zeitlosen Gesetze und des Aberglaubens eines zum Aussterben verurteilten Volkes.

Was die anderen meinen:

Die Tuareg sind die wahren Söhne der Wüste. Sie können unter den härtesten Bedingungen überleben wie niemand sonst. Der edle Inmouchar Gacel Sayah ist der Herr über ein großes Gebiet in der Wüste. Eines Tages treffen zwei Flüchtlinge aus dem Norden ein, und Gacel gewährt ihnen nach seinen alten und heiligen Gesetzen der Gastfreundschaft Unterschlupf. Gacel ahnt jedoch nicht, dass sein Akt der Freundlichkeit ihn in ein tödliches Abenteuer führen wird. (Litres)

Jon Fosse, Morgen und Abend

Der norwegische Schriftsteller Jon Fosse erhielt 2023 den Nobelpreis für Literatur. Ohne auf die verschiedenen Motive und Gründe einzugehen, die zu dieser Auszeichnung geführt haben, muss man sagen, dass er zweifellos ein hervorragender Schriftsteller ist, mit einer langen Karriere in Prosa, Poesie und, wie bei vielen nordischen Schriftstellern, Theater. Ich werde mich darauf beschränken, meine Meinung zu diesem kurzen Roman zu äußern, ohne den Versuch zu unternehmen, mein Urteil auf das Gesamtwerk des Autors auszudehnen, das sicherlich eine Untersuchung wert ist.

Morgen und Abend handelt von zwei Episoden im Leben des norwegischen Fischers Johannes: seiner Geburt und seinem Tod. Beide Ereignisse folgen dem natürlichen Lauf des Lebens und werden aus der Sicht von Johannes‘ Vater und dem Protagonisten selbst geschildert. In einem unkonventionellen Stil voller Wiederholungen, der eher an einen Dialog als an eine Erzählung oder einen Gedankengang erinnert, beschreibt der Autor das einfache, aber erfüllte Leben des Fischers.

Der Roman fesselt den Leser vom ersten Moment an durch seine Einfachheit und die suggestiven Fragen, die er über den Sinn des Lebens aufwirft. Und er macht neugierig auf weitere Werke von Fosse.

Die Meinung der anderen:

«Vermutlich hat es in den letzten Jahren kein traurigeres, aber zugleich auch kein fröhlicheres, tröstenderes Buch gegeben über den Morgen des Lebens und den Abend des Todes.» (Elke Heidenreich)

«Ein seltsames großartiges Buch.» (Süddeutsche Zeitung)

Miguel Delibes, Frau in rot auf grauem Grund

Miguel Delibes ist einer der bedeutendsten spanischsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Viele Jahre lang arbeitete er als Journalist für eine Provinzzeitung und schrieb Romane, die weit verbreitet und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Dieses autobiografische Buch ist trotz der Identitätswechsel, die notwendig sind, um die Wirkung einer so direkten und traumatischen Geschichte abzuschwächen, einer der emblematischsten Romane von Delibes. Es verbindet eine direkte Sprache mit dem Monolog-Stil eines anderen seiner Werke, Cinco horas con Mario. Das Buch ist als Erzählung des Protagonisten an eine seiner Töchter konzipiert, die sich wegen ihrer politischen Aktivitäten während der Franco-Diktatur in Untersuchungshaft befindet.

Der Protagonist und Erzähler, ein Maler in einer Schaffenskrise, erlebt ein Familiendrama in einer schwierigen Zeit, kurz vor dem Tod Francos und mit einer Tochter, die wegen ihrer gewerkschaftlichen Aktivitäten verhaftet wurde und auf ihren Prozess wartet. Der Maler und seine Frau Ana kümmern sich auch um ihre Enkelin, die Tochter der Verhafteten. Die Erzählung folgt dem roten Faden der Geschichte seiner Frau, ihrer Rolle in der Familie und als Muse des Malers, mit einem radikalen Wendepunkt, als bei Ana ein gutartiger Gehirntumor diagnostiziert wird.

Der Stil von Delibes ist bekannt. Seine Nüchternheit, gepaart mit einer sorgfältigen und präzisen Sprache, ist sprichwörtlich. Und der allgemeine, betroffene und leicht pessimistische Ton ist typisch für die kastilische Eigenart. Der „graue Hintergrund“ des Gemäldes kontrastiert mit dem roten Kleid des Porträts, das von einem befreundeten Maler der Familie gemalt wurde. In dieser Hommage an seine Frau, die hier von Ana verkörpert wird, gesteht Delibes seine Unfähigkeit, ohne die Hilfe seiner Frau, von der er auf den Seiten des Buches ein psychologisches Bild entwirft, etwas zu schaffen, ja fast zu leben. Eine ausgezeichnete Erzählung.

Was andere dazu meinen:

Unbesiegbar scheint der Charme der Señora: Vom Hauskauf über die Planung von Ausstellungen bis zur Sorge für das Enkelkind meistert sie alles – eine temperamentvolle, warmherzige, kluge Frau, der alle Türen offenstehen. Doch plötzlich schwindet ihre Kraft, nicht aber ihr Lebensmut. Gegenüber ihrer Tochter Ana entwirft der Mann an ihrer Seite, der erfolgreiche Maler Nicolás, das Bildnis der »Frau in Rot«. Zugleich liegt jener Mann im Sterben, der das Leben der Familie jahrelang überschattet hat: der spanische Diktator Franco …Mit der Leichtigkeit des großen Erzählers – und nicht ohne Zweideutigkeit – schafft Miguel Delibes aus den schmerzgeborenen Erinnerungsfragmenten des Malers eine berührende, aber nie sentimentale Liebesgeschichte. (Dussmann)