Archiv der Kategorie: Liebesromane

Jean-Paul Didierlaurent, Der Unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky

Ambroise ist Thanatopraktiker, also Einbalsamierer bei einer Beerdigungsanstalt. Manelle pflegt ältere Menschen in ihren Haushalten. Ein Patient von Manelle, Samuel, erkrankt schwer und entscheidet, in die Schweiz zu fahren, weil dort die Euthanasie erlaubt ist. Er beauftragt die Firma, in der Ambroise arbeitet, ihn dorthin zu begleiten. Ambroise nimmt den Auftrag an, aber Manelle ist nicht ohne weiteres bereit, seinen Patienten in den Freitod ziehen zu lassen.

Der Autor beschreibt mit Feingefühl und Humor die Reaktionen und Haltungen der Protagonisten und die Beziehungen untereinander in dieser unerhörten Situation.

Was andere dazu meinen:

Ambroise Lanier, Ende zwanzig, hat seine Berufung gefunden: Er möchte dem Menschen seine Würde bewahren und arbeitet darum als Leichenpräparator. Auch Manelle Flandin liegt die Würde ihrer Mitmenschen am Herzen. Rührend kümmert sich die junge Angestellte eines ambulanten Pflegedienstes um Senioren. Vermutlich hätten sich die Wege der beiden nie gekreuzt, wäre da nicht Samuel Dinsky: Als der 82-Jährige eine niederschmetternde Diagnose erhält, will er eine letzte Reise unternehmen. Zusammen mit Manelle und Ambroise. Durch einen wundersamen Zufall wird es eine Reise zurück ins pralle Leben.
(Amazon)

Alessandro D’Avenia, Die Welt ist eine Muschel

Alessandro D’Avenia ist ein besonderer Schriftsteller. Sein erklärtes Publikum sind Jugendliche, die er mit seinen optimistischen Erzählungen, sein Einfühlungsvermögen und seine expliziten oder impliziten Zitate für die Welt der Literatur gewinnen will. Hinzu kommen immer Elemente und Personen aus seiner Heimat Sizilien. Die Kombination ist sehr attraktiv, auch für Leser, die nicht zu seiner Zielgruppe gehören.

Eine romantische Erzählung über mehrere Generationen mit einem Happy End, gespickt allerdings von ironischen Anspielungen die, vermutlich, in der Originalsprache deutlich zum Vorschein kommen. Empfehlenswert.

Was andere dazu meinen:

Der Geruch des Meeres, die Gischt der Wellen, das gleißende Licht, das sich zwischen Horizont und Himmel sammelt und Margheritas klare grüne Augen tränen lässt: Ihren 14. Geburtstag verbringt sie mit ihrem Vater auf einem Segelboot. Es ist das Ende des Sommers und der Beginn einer neuen Zeit, denn bald fängt für Margherita das Jahr an der Oberschule an. Sie hat Angst, aber der Vater beruhigt sie – alles wird gutgehen. Doch nach diesem Sommer ist für Margherita nichts mehr so, wie es einmal war. Der Vater verlässt die Familie ohne Erklärung und lässt seine Tochter mit dem unaussprechlichen Gefühl der Trauer zurück, das sie in sich einschließt wie die Perle in einer Muschel. Doch sie erfährt auch, wie es ist, wenn einen die Liebe wie ein Blitz trifft. Und sie lernt, dass man manchmal handeln muss, um das Glück festzuhalten. (Aus Amazon)



Kyung-Sook Shin, Als Mutter verschwand

Eine einfache Frau aus Korea reist mit ihrem alkoholisierten Mann und ihren vier kindern nach Seoul. Sie kann weder lesen noch schreiben. Als sie in die überfüllte U-Bahn steigen verlieren die anderen Familienmitglieder sie aus den Augen. Und sie bleibt spurlos verschwunden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser. Dabei wird sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war – und vor allem, wer sie eigentlich war.

Überraschende Erzählung, mit sehr viel Feingefühl geschrieben, wo die Bedeutung der Familie und vor allem der Liebe zum Vorschein kommt.

Was andere dazu meinen:

Sie wollte nur ihre erwachsenen Kinder in Seoul besuchen. Aber als sie mit ihrem Mann am Hauptbahnhof in die überfüllte U-Bahn steigen will, passiert es: Mutter geht in der Menschenmenge verloren. Und sie bleibt spurlos verschwunden, obwohl die Familie natürlich alles tut, um sie zu finden. Die Suche zieht sich über Wochen und Monate hin und wird immer aussichtsloser.  Dabei wird sowohl ihren Kindern als auch ihrem Mann zum ersten Mal bewusst, was diese Frau für sie alle war – und vor allem, wer sie eigentlich war. Ein hinreißender, anrührender, ganz und gar ungewöhnlicher Roman über Mütter und Kinder, über die Verwerfungen zwischen den Generationen und über die alles überbrückende Kraft der Liebe.
(medimops)

Ian McEwan, Kindeswohl

Das Spezialgebiet von Fiona Maye, Familienrichterin in London, sind komplexe Entscheidungen über Sorgerecht, Scheidungen und Anwendung der englischen Gesetzgebung, die das Wohl des Kindes als Hauptkriterium für die Entscheidung in Streitfragen vorschreibt.

In ihrer kinderlosen Ehe fühlt sie sich gut aufgehoben und merkt nicht, wie das Paar im Laufe der Jahre sich auseinander gelebt hat. Eines Tages wird ihr ein Fall vorgelegt, wo es wörtlich um Leben und Tod geht, und wo die Entscheidung vom Glauben der Eltern, die Zeugen Jehovas sind, anhängt. Zugleich präsentiert ihr ihr Mann einen unerhörten Vorschlag. Das Buch stellt gleichzeitig den Leser vor der Entscheidung: muss man dem eigenen Gewissen immer folgen, selbst wenn die Folgen tödlich sein können?

Was andere dazu meinen:

Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls – das ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye. In ihrer eigenen, kinderlosen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Bis zu dem Tag, als ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag unterbreitet und ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt wird, in dem es für einen 17-jährigen Jungen um Leben und Tod geht.

Stefan Zweig, Angst

Ich versuche, jährlich mindestens einen Roman oder eine Novelle von Stefan Zweig zu lesen, nach meiner Ansicht einer der besten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts. Es lohnt sich immer wieder, etwa hundert Jahre in die Vergangenheit zu tauchen um zutiefst menschliche Situationen, Gedanken und Gefühle zu entdecken, selbst wenn den Werken Zweigs immer einen Anflug Traurigkeit anhaftet.

Angst ist eine Meistererzählung von Stefan Zweig über Liebe, Ehe, Verrat und Reue. Eine wohlhabende Frau, die in Wien wohnt, bringt sich selbst, teilweise aus Langeweile, in eine verzweifelte Situation, aus der sie keinen Ausweg sieht.

Was andere dazu meinen:

Angst ist eine Novelle von Stefan Zweig, die 1910 in Wien geschrieben wurde und die Gefühle und Ängste einer Ehebrecherin zeigt. Der Handlungsablauf von Zweigs Novelle ist denkbar simpel, und doch vermag es der Autor seine Leser von Anfang an das Buch zu fesseln, sie durch seine einmalige Suggestivkraft die seelischen Qualen der Protagonistin hautnah miterleben zu lassen. Als wohlhabende Ehefrau eines renommierten Anwalts und Mutter von zwei wunderbaren Kinder führt Irene ein beinahe beneidenswertes Leben. Von der Monotonie ihres Alltags gelangweilt, flüchtet sie in ein bedeutungsloses Liebesabenteuer, das jedoch schon bald Ihr ganzes Dasein radikal verändern soll.

Robert Seethaler, Ein ganzes Leben

Was macht das Leben eines „normalen“ Menschen aus? Der Österreicher Robert Seethaler schreibt gekonnt über einen einfachen Menschen, dessen Universum sich auf das Tal der Alpen beschränkt, in dem er lebt. Nach Jahren der Arbeit als Hilfsarbeiter in einem Berghof arbeitet er sich als Techniker hoch.

Eines Tages lernt er Marie kennen, die Liebe seines Lebens. Gegen Ende seines Lebens macht sich Gedanken über sein einfaches aber irgendwie auch erfülltes Leben. Ein Buch voller Sehnsucht, das durch die Schreibweise Seethalers einen wohltuenden Eindruck hinterlässt.

Was andere dazu meinen:

Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen.
(medimops)

Julian Barnes, Vom Ende einer Geschichte

Ein weiteres lesenswertes Buch von Julian Barnes. Ein Film, der auf diese Erzählung basiert ist, verpasst nach meiner Meinung die narrativen Koordinate des Buches.

Anthony (Tony) Webster ist ein geschiedener Mitsechziger der eine zufriedenstellende Beziehung zu seiner ex-Frau und seiner Tochter hat. Ebenso selbstgefällig sind seine Erinnerungen an seiner Schulzeit, an seine erste Freundin Veronica und an seine Jugendfreunde, besonders an den intelligenten Adrian. Tony bewundert in gewisser Hinsicht die Konsequenz von Adrian, der gerne Camus zitierte, als dieser behauptet, Selbstmord sei die einzige echte philosophische Frage, und der seinem Leben mit 20 Jahren ein Ende setzte. Dieses friedliche Leben erfährt einen Umbruch als er den Brief einer Anwältin erhält, wo diese mitteilt, dass Sarah, die Mutter von Verónica, ihm 500 Pounds und ein Dokument, das Tagebuch Adrians, vermacht hat.

Der Roman mit dem unverkennbaren Stil von Barnes ergänzt die lineare Erzählung mit den Gedanken Tonys, der an seinen Erinnerungen und Urteilen festhält bis Verónica und ein Sozialarbeiter ihm über seine Fehlurteile und über die Folgen seiner Handlungen aufklären.

Was andere dazu meinen:

 Wie sicher ist Erinnerung, wie unveränderlich die eigene Vergangenheit? Tony Webster muss lernen, dass Geschehnisse, die lange zurückliegen und von denen er glaubte, sie nie mehr hinterfragen zu müssen, plötzlich in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Als Finn Adrian in die Klasse von Tony Webster kommt, schließen die beiden Jungen schnell Freundschaft. Sex und Bücher sind die Hauptthemen, mit denen sie sich befassen, und Tony hat das Gefühl, dass Adrian in allem etwas klüger ist als er. Auch später, nach der Schulzeit, bleiben die beiden in Kontakt. Bis die Freundschaft ein jähes Ende findet. Vierzig Jahre später, Tony hat eine Ehe, eine gütliche Trennung und eine Berufskarriere hinter sich, ist er mit sich im Reinen. Doch der Brief eines Anwalts, verbunden mit einer Erbschaft, erweckte plötzlich Zweifel an den vermeintlich sicheren Tatsachen der eigenen Biographie. Je mehr Tony erfährt, desto unsicherer scheint das Erlebte und desto unabsehbarer die Konsequenzen für seine Zukunft. Ein Text mit unglaublichen Wendungen, der den Leser auf eine atemlose Achterbahnfahrt der Spekulationen mitnimmt.

»Wie Barnes allmählich die Selbstzensur in den Erinnerungen seines pensionierten Protagonisten Tony Webster bloßlegt, beweist seine ganze Meisterschaft.« (Süddeutsche Zeitung)

Ian McEwan, Abbitte

Ian McEwan, geboren 1948 in England, behandelt in seinen Romanen Schlüsselthemen des menschlichen Lebens. Hier geht es um Schuld und Sühne, um Hass und um Verzeihung, mit dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Es gibt nicht viele aktuellen Romane, die so realistisch das Gefühl der Schuld und, als Reaktion, die Sehnsucht nach Sühne praktisch beschreiben wie Abbitte.

Briony ist ein junges Mädchen, voller Phantasie, das im Landhaus ihrer Eltern zusammen mit ihrer Schwester Cecilia lebt. Beim Besuch ihres Bruders, der zusammen mit einem Freund sich im Haus aufhält, wird sie Zeugin des Beginns einer Beziehung ihrer Schwester mit Robbie, einem Diener. Als eine Cousine von Briony in der Nacht vergewaltigt wird, redet sie sich ein, der Täter sei Robbie gewesen und beschuldigt ihn. Dadurch kommt Robbie ins Gefängnis und später als Freiwilliger in den Krieg.

Das Mädchen versucht später, das Unrecht wiedergutzumachen, aber es gelingt ihr nicht. In zwei anderen Teilen des Buches erleben wir die Fortführung und das Auseinanderbrechen der Familie, sowie ein letztes Kapitel, das neues Licht über die Geschehnisse und über die Gedanken der dann schon alten und kranken Briony.

Hervorragende Erzählung dieses Autors.

Was andere dazu meinen:

Ein kleines Mädchen beobachtet ihre ältere Schwester, die mit dem Sohn der Putzfrau am Brunnen im Garten steht. Briony kann nicht hören, was Cecilia und Robbie miteinander sprechen. Sie sieht nur, dass ihre Schwester sich plötzlich ihrer Kleidung entledigt und nackt in den Brunnen steigt, während Robbie fasziniert zusieht. Cecilia entsteigt dem Brunnen kurz darauf wieder, streift Bluse und Rock über und geht davon. Robbie entfernt sich in die andere Richtung. Alles, was von der Szene am Pool bleibt, ist eine Wasserpfütze vor dem Brunnen, die in der drückenden Sommerhitze des Jahres 1935 verdunstet. Briony bleibt am Fenster stehen, bis die Pfütze verschwunden ist und kann bald nicht mehr sagen, ob die Szene, die sie beobachtet hat, wirklich passiert ist. Trotz ihrer überbordenden Phantasie – Briony will Schriftstellerin werden und malt sich ständig Geschichten aus – kann sie sich nicht vorstellen, was zwischen Cecilia und Robbie vorgehen mag und was das unerhörte Verhalten Cecilias rechtfertigt. Am Abend diesen heißen Tages gibt Robbie Briony einen Brief für Cecilia. Brionys Phantasie geht mit ihr durch, als sie den Brief heimlich gelesen hat und entsetzt ist über dessen anstößigen Inhalt, den Briony kaum versteht. Briony beschließt, ihre Schwester vor dem Monster Robbie zu beschützen. Der Tag wird für Robbie kein gutes Ende nehmen: Lola, Brionys Cousine, wird im Park des Hauses überfallen und vergewaltigt. Briony sieht den Täter in die Dunkelheit des Waldes fliehen, die Polizei wird gerufen und Briony identifiziert Robbie als den Täter. Die Schreie von Robbies Mutter, als Robbie von der Polizei abgeführt wird, werden jahrelang in Brionys Kopf widerhallen: “ ,Lügner! Lügner!‘ “ rief Grace Turner immer wieder, rannte verzweifelt dem entschwindenden Wagen hinterher, blieb einige Schritte später stehen, die Hände in die Hüften gestemmt, und sah ihm nach, wie er über die erste Brücke fuhr, dann über die zweite und schließlich im Weiß verschwand.“

Ian McEwan thematisiert in seinem Roman „Abbitte“ die Konsequenzen, die Brionys Anschuldigung nicht nur für Cecilia und Robbie, sondern auch für Briony und den Rest der Familie hat. Robbie wird der Vergewaltigung Lolas für schuldig befunden, kommt ins Gefängnis, und sein Wunsch, Medizin zu studieren, rückt in unerreichbare Ferne. Cecilia glaubt Robbies Unschuldsbeteuerungen, sagt sich von ihrer Familie los und wird trotz ihres abgeschlossenen Studiums in Cambridge Krankenschwester in London. Briony träumt weiter ihren extravaganten Traum vom Dasein als Schriftstellerin und kämpft die eigenen Zweifel an ihrer Aussage in den nächsten Jahren verbissen nieder. Das gutbürgerliche Leben, das alle drei vor sich ausgebreitet sahen, wird zur Unmöglichkeit.

Ian McEwan hat seinen Roman dreigeteilt; der erste Teil erzählt in ausufernder, detailgenauer Prosa die Ereignisse jenes schicksalhaften Tages, an dem Briony Robbie der Vergewaltigung beschuldigt; der zweite Teil spielt Jahre später, als Robbie, inzwischen Soldat der britischen Armee, sich durch die Hölle von Dunkirk kämpft und stets Cecilias Briefe vor Augen und ihre Stimme im Kopf hat – „Komm zurück“ -, während Briony sich als Lernschwester in einem Londoner Krankenhaus verpflichtet; der dritte Teil spielt in der Gegenwart, in der Briony sich als alternde Schriftstellerin mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. McEwan leistet sich vier Erzählperspektiven – die des Kindes Briony, die des Soldaten Robbie, die der jungen und schließlich die der alten Briony – und verbindet jede Perspektive souverän mit den anderen. Jede Perspektive ist geprägt von einem eigenen Schreibstil; der erste Teil, erzählt aus der Perspektive des Kindes Briony, das zuckersüß-romantische kleine Theaterstücke schreibt, ist von dem Stil einer Jane Austen geprägt, der im zweiten Teil einer harten, knappen Prosa Platz macht, die sachlich die Schrecken des Krieges beschreibt, während der letzte Teil abgeklärt und altersweise daherkommt. McEwan versteht es, jedem Erzähler eine eigene Stimme zu geben, ohne dem Roman als Ganzem seinen Erzählfluss zu nehmen. Über die Jahre hinweg begreift Briony langsam, dass ihre Zweifel an der Identität des Täters, die sie insgeheim immer gehegt hatte, und ihre Schuldgefühle Robbie und Cecilia gegenüber nicht wie die Wasserpfütze vor dem Brunnen in der Gluthitze verdunsten werden, sondern sich vielmehr wie ein hauchdünner, fast unsichtbarer Bruch durch ihr Leben ziehen – ganz wie bei der wertvollen Vase, von der Robbie und Cecilia am Brunnen ein Stück abbrechen und ins Wasser fallen lassen. Cecilia steigt in den Brunnen, um das Stück herauszufischen und klebt die Vase, ohne dass jemand den Schaden bemerkt. Erst Jahre später zerbricht die Vase auf eine für die Haushälterin der Familie Tallis unerklärliche Weise in tausend Scherben.
(Literaturkritik.de)

Sandor Marai, Die Schwester

Dieses Buch ist eine der Meistererzählungen von Sandor Marai. An zwei verschiedenen Orten begegnen wir einem berühmten Pianisten und sind Zeugen seiner Gespräche und seinen Überlegungen. Es geht um Beziehungen, um den Sinn des Lebens, um Krankheit und Heilung jenseits der klassischen Konzepte von Medizin und Behandlung. Der Kontrast zwischen den so von Angst befreiten, sterbenden Künstler und einer Krankenschwester, ebenfalls krank, beleuchtet die verschiedenen Haltungen, die man einnehmen kann. Über dem ganzen Buch schwebt ein gewisser Pessimismus, der fast alle seine Werke prägt und der das Ende des Schriftstellers ahnen lässt.

Die Romane von Sandor Marai sind nicht unterhaltsam im klassischen Sinne, enthalten aber viel Stoff zum Nachdenken. Ich finde dieses Buch hervorragend.

Was andere dazu meinen:

Verfasst in den letzten ungarischen Jahren vor seinem Exil, ist Sándor Márais Roman »Die Schwester« das Zeugnis einer verhängnisvollen Ménage-à-trois und zugleich eine tief empfundene Psychologie des  Schmerzes.
Der Zufall führt die beiden zusammen: den Erzähler und den berühmten Pianisten Z. In einem Kurort  in den transsilvanischen Bergen begegnen sie sich. Es ist Weihnachten, und eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft verbringt die Feiertage in einem kleinen Gasthof. Schockiert müssen  die Anwesenden zur Kenntnis nehmen, dass sich ein elegantes Liebespaar gemeinsam das Leben  genommen hat. Tief betroffen vertraut der Pianist dem Erzähler ein Manuskript an, aus dem wir von  seiner eigenen großen Liebe erfahren – einer Liebe, die ihn seine Bestimmung finden ließ, für die er aber einen hohen Preis bezahlen musste. Vor dem Hintergrund eines fernen Krieges erzählt Márais dunkel funkelnder Roman von einer unerfüllten Liebe, deren Schmerz unerhörte Folgen hat.
(Amazon)

Der ungarische Schriftsteller Sándor Márai (1900-1989) musste 1948 Ungarn vor den Kommunisten verlassen, exilierte nach Italien und lebte ab 1952 in den USA, wo er sich nach mehreren privaten Schicksalsschlägen 1989 das Leben nahm. Ähnlich wie im Leben des Autors Márai befinden sich auch seine Romanfiguren meist in einer schwierigen Lebenssituation, müssen traumatische Erlebnisse bewältigen oder werden durch ein jäh eintretendes Ereignis aus ihrem bis dato vermeintlich friedlichen Dasein gerissen und von den Schatten der Vergangenheit eingeholt.

„Die Schwester“ ist der letzte noch in Ungarn erschienene Roman Márais, in dessen Mittelpunkt eine fatale Ménage-à-trois rund um den Pianisten Z. steht. Der Erzähler des ersten Teiles des Buches trifft an den Weihnachtsfeiertagen auf den einst weltberühmten Künstler Z. in einem abgeschiedenen Gasthof in den transsilvanischen Bergen. Die Pensionsgäste sitzen dort schon seit geraumer Zeit aufgrund der schlechten Witterung fest, können lediglich langweilige Tätigkeiten im Haus verrichten und hoffen darauf, dass sich endlich eine weihnachtliche Winteridylle einstellt. Nach Tagen des zermürbenden Wartens geschieht plötzlich ein tragisches Ereignis, das eine gewisse Dynamik in die sonst sehr lethargische Gästeschar bringt: Ein auch in der Pension einquartiertes Liebespaar begeht Selbstmord. Durch diese Unglückstat kommt der Erzähler in Kontakt mit dem sehr verschlossen auftretenden Z., und einige vieldeutige Gespräche über die Musik und den Sinn des Lebens folgen.

Doch dann reist Z. unvermittelt ab. Monate später erfährt der Erzähler von Z.’s Tod in einem Sanatorium und erhält überraschenderweise ein handschriftliches Manuskript aus dessen Nachlass. Was nun folgt, ist eine minutiöse Schilderung von Z.’s Leidensweg und die Gründe für sein einstiges Verschwinden aus der Gesellschaft und das Ende seiner künstlerischen Tätigkeit.

Nach einem Konzert in Italien erkrankte er an einer mysteriösen Nervenkrankheit, die aufgrund vielfältiger Lähmungserscheinungen ein plötzliches Karriereende des Pianisten und einen mehrmonatigen Aufenthalt in einem italienischen Krankenhaus nach sich zog. In einer Mischung aus Erinnerungsbruchstücken, einer Vielzahl an tiefschürfenden Gesprächen mit den ihn behandelten Ärzten kommt Z. zu der Erkenntnis, dass die Krankheit als Resultat seiner zwar platonischen, aber fatalen Beziehung zu einer verheirateten Frau zu interpretieren ist. Die Krankheit steht quasi als Metapher für die Lebenslüge von Z. und seine Verstrickung in unheilvolle und aussichtslose Beziehungen. Die darauffolgende Genesung geht nun zwar zügig voran, scheint aber nicht von Dauer zu sein.

Márais Roman aus dem Jahre 1946 ist keine leichte Kost, die man nebenbei liest – es wäre dazu auch zu schade. Der aufmerksame Leser muss sich vielmehr auf die permanent düstere, bedrohliche Stimmung, die mit Metaphorik beinahe überladenen Beschreibungen und die tiefgründigen Gespräche zwischen den Figuren einlassen, um die Faszination in dieser psychoanalytischen Spurensuche eines am Leben und der Welt Verzweifelten zu spüren. „Die Schwester“ ist nicht Márais bester Roman, aber doch ein absolut lesenswertes Stück Literatur des 20. Jahrhunderts, das einen exzellenten Einblick in die Gedanken- und Ideenwelt des ungarischen Schriftstellers ermöglicht und Márais literarisches Erbe vervollständigt.
(Literaturkritik.de)

Irène Némirowski, Feuer im Herbst

Irène Némirovsky wuchs als Tochter eines jüdischen Bankiers in Kiew auf. Im Laufe der russischen Revolution musste die Familie nach Paris auswandern. Die Autorin erlangt relativ früh Ruhm durch ihre Erzählungen, insbesondere die Suite française. Als die deutschen Truppen Frankreich besetzten, wurde sie verhaftet und nach Ausschwitz deportiert, wo sie in Folge einer schweren Krankheit 1942 verstarb.

Feuer im Herbst erzählt eine Liebesgeschichte nach dem Großen Krieg in Europa, umgeben von der Korruption, dem Opportunismus und der Perspektivenlosigkeit dieser schwierigen Zeit in Frankreich.

Was andere dazu meinen:

Wie durch ein Brennglas folgt der Blick Irène Némirovskys den Liebenden Thérèse und Bernard durch die kriegsversehrte Welt des 20. Jahrhunderts. Mit ihrem Roman „Feuer im Herbst“ erweist sich die Autorin erneut als unbestechliche Beobachterin einer Hölle, die den Menschen ihre Gefühle raubt und ihre Wurzeln durchtrennt. Allein die Liebe hat eine Chance, die Verlorenen zu retten.
Noch liegt malvenfarbene Luft über Paris, noch flanieren die Kleinbürger sonntags über die Champs-Elysées und genießen ihr kleines Glück. Martial wird bald Arzt sein und seine Cousine Thérèse heiraten. Die Zukunft ist geordnet. Doch ein Frösteln, eine zittrige Erregung erfasst die Menschen. Ein Wort aus ferner Zeit taucht auf und weckt Heldenträume in jungen, abenteuerlustigen Männern – Krieg. Das Grauen zerstört schnell alle Illusionen. Thérèse wird Witwe, und von der Front kehren gebrochene Männer heim. So auch Bernard, Thérèses Kamerad aus Kindertagen. Mit wildem Lebenshunger will er die Kriegsgräuel vergessen machen, will Wiedergutmachung für das Erlittene. Er will Frauen, Geld, rauschhaften Genuss. Thérèse verliebt sich in Bernard. Als er abzustürzen droht, fängt sie ihn auf. Sie ahnt nicht, welchen Preis sie für ihren Traum bezahlen muss.
(Medimops)