Archiv der Kategorie: Sachbücher

Susanna Tamaro, Ein denkendes Herz

Dieses Buch von Susanna Tamaro ist Pflichtlektüre für alle, die diese italienische Schriftstellerin kennen und schätzen. Ihre Bücher sind oft falsch verstanden worden. Wer in „Geh, wohin das Herz dich trägt“ oder „Erhöre mein Flehen“ eine niedliche Geschichte sieht, hat mit Sicherheit das Buch nicht richtig begriffen. Die Empfindsamkeit, die Empathie, die tiefe Menschlichkeit dieser und anderer Bücher der kleinen Italienerin reflektieren eben ein denkendes Herz, das sich oft nur in Geschichten und Briefen auszudrücken weiß. Oder in einer Art kalenderfreies Tagebuch, wie dieses.

Was andere dazu meinen:

»Ein denkendes Herz« ist ein inspirierendes und persönliches Tagebuch, das die Augen öffnet für die verborgene Schönheit der Welt. Eindringlich, intensiv, kämpferisch erzählt Susanna Tamaro von ihrer Liebe zur Stille, ihrer Empfindsamkeit und dem Schmerz, der daraus entstehen kann. Sie sucht nach dem Wesen des Menschen, dem Ursprung der Dinge und beschreitet dabei ganz eigene Wege.

»Susanna Tamaros Bücher beeindrucken durch Emotion, Kraft, Scharfsinn.«
Frankfurter Rundschau

Jon Krakauer, Mord im Auftrag Gottes: Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus

Jon Krakauer ist ein nordamerikanischer Journalist, der durch drei Bücher und ihre Verfilmungen berühmt geworden ist: Into the Wild, über einen jungen Abenteurer, der sich in die Wildnis alleine wagt, In eisigen Höhen über einen Aufstieg auf den Mount Everest und Mord im Auftrag Gottes über einen brutalen Mord, verübt im Jahre 1984 von Dan y Ron Lafferty, zwei fundamentalistischen Mormonen, die ihre Schwägerin Brenda und deren Tochter, ein kleines Baby, umbrachten.

Krakauer beschränkt sich nicht auf die bekannten Tatsachen und die entsprechenden Gerichtsverhandlungen. Er nutzt sein Werk für eine vorwiegend negative Erzählung über die Entstehung und die Geschichte der Mormonen, und insbesondere der fundamentalistischen Zweige dieser Religion. Es fehlen auch nicht allgemeine Urteile über die Religionen im Allgemeinen, als Phänomen, das er nicht begreifen kann.

Das Buch enthält auch die Einwände eines mormonischen Priesters zum Buch von Krakauer, die Antwort des Autors auf diese Stellungnahme und andere Überlegungen.

Die Taten lassen kaum Raum für Interpretationen. Beide Brüder haben ihre Opfer den Hals abgeschnitten in der Meinung, einem «Gebot Gottes» zu gehorchen, und haben es so vor und nach dem Bluttat offen bekundet.

Aus meiner Sicht ist das Buch interessant und die Meinung des Autors teilweise legitim. Ich finde allerdings reduktionistische Tendenzen, als Krakauer die Geschichte einer Religion, und der Religionen im Allgemeinen, auf die verwerflichen Taten, die in «ihrer Umgebung» stattfanden, beschränkt. Ein dominantes Thema des Buches ist die Polygamie, wie sie von manchen Mormonen, besonders in den höheren Kreisen, praktiziert wird, und die von Krakauer als ein zentrales und fast exklusives Thema dieser Religion dargestellt wird.

Also ein interessantes Buch, auch durch die Art, wie es geschrieben ist, aber etwas einseitig.


Was andere dazu meinen:

Als Allen Lafferty am Abend des 24. Juli 1985 nach Hause kommt, findet er seine Frau und seine Tochter ermordet auf. Beide wurden grausam hingerichtet. Zu dem Mord bekennen sich Allens Brüder Ron und Dan Lafferty. Sie behaupten, den Auftrag dazu habe ihnen Gott gegeben. Ausgehend von diesem Familiendrama untersucht Jon Krakauer den Ursprung des religiösen Fanatismus. Die Laffertys sind Mormonen. Krakauer schildert die Geschichte dieser erst 170 Jahre alten Religion und zeigt, wie bedrohlich es sein kann, wenn Menschen glauben, einen „direkten Draht zu Gott“ zu haben.

(Perlentaucher)

Colum McCann: Apeirogon

Ein Apeirogon ist ein regelmäßiges Vieleck mit einer unendlichen Anzahl von Seiten. Es wird so fälschlicherweise für einen Kreis gehalten, aber wenn man ihn analysiert, entdeckt man eine nahezu unendliche Anzahl von Facetten. Möglicherweise will der Autor die Schwierigkeit zum Ausdruck bringen, die politische, soziale, religiöse, wirtschaftliche usw. Situation, in der sich Israel und Palästina befinden, zu verstehen – und vor allem zu beurteilen.

Es handelt sich nicht wirklich um einen Roman, obwohl er Elemente der Fiktion enthält. Es handelt sich nicht um eine Dokumentation, obwohl sie objektive Fakten und die Meinungen der beiden Protagonisten und ihrer Familien enthält. Es ist kein Geschichts- oder Geographiebuch, obwohl es eine Fülle von Informationen und Kuriositäten über das, was in christlichen Kreisen als Heiliges Land bekannt ist, enthält. Es ist kein Unterhaltungsbuch, auch wenn die Lektüre zuweilen unterhaltsam, zuweilen aber auch tief dramatisch ist.

Wie alle großen Bücher, verstanden in beiden Bedeutungen des Wortes, Länge und Wertung, erfordert auch dieses, dass der Leser dem vom Autor vorgezeichneten Weg folgt. In diesem Fall geht es um zwei Personen. Ein Israeli, Rami Elhanan, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, der als Soldat an zwei Istael-Kriegen teilnahm und seine Tochter Smadar durch ein Selbstmordattentat dreier Palästinenser in der Fußgängerzone von Jerusalem verlor. Und ein Palästinenser, Bassam Aramin, der sieben Jahre wegen subversiver Aktivitäten im Gefängnis saß und der seine Tochter Abir durch ein Gummigeschoss verlor, das ein israelischer Soldat in der Pause ihrer Schule abfeuerte. Rami und Bassam freunden sich an und arbeiten bei verschiedenen Friedensinitiativen in ihren Ländern zusammen, reisen um die Welt und haben mit allen möglichen Schwierigkeiten und Missverständnissen zu kämpfen.

Neben der Geschichte der beiden Protagonisten, ihrer Freundschaft und den verschiedenen Situationen, die das tägliche Leben in Israel und Palästina ausmachen, enthält das Buch Kapitel über die Entdeckungen am Toten Meer, über die Fauna und Flora, über die Siedlungen, über militärische und polizeiliche Kontrollen und vieles mehr.

Ich halte es für ein sehr empfehlenswertes Buch.

Was andere dazu meinen:

Rami Elhanan und Bassam Aramin sind zwei Männer. Rami braucht fünfzehn Minuten für die Fahrt auf die West Bank. Bassam braucht für dieselbe Strecke anderthalb Stunden. Ramis Nummernschild ist gelb, Bassams grün.

Beide Männer sind Väter von Töchtern. Beide Töchter waren Zeichen erfüllter Liebe, bevor sie starben. Ramis Tochter wurde 1997 im Alter von dreizehn Jahren von einem palästinensischen Selbstmordbomber vor einem Jerusalemer Buchladen getötet. Bassams Tochter starb 2007 zehnjährig mit einer Zuckerkette in der Tasche vor ihrer Schule durch die Kugel eines israelischen Grenzpolizisten.

Ramis und Bassams Leben ist vollkommen symmetrisch. Ramis und Bassams Leben ist vollkommen asymmetrisch. Rami und Bassam sind Freunde.

Apeirogon: eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten.

Während „Apeirogon“ nach und nach seine nahezu unendlichen Seiten auffächert und die beiden Männer in seiner Mitte rahmt, entfaltet sich der Palästinakonflikt in seiner ganzen Historie und Komplexität. Dies ist Colum McCanns überwältigendes Meisterwerk – ein Roman, der das Unbeschreibliche sinnlich und sinnhaft erfahrbar, greifbar macht. Ein kaleidoskopischer Text stellt die zeitlose Frage: Wie leben wir weiter, wenn das Liebste verloren ist? Und: Wie kann der Mensch Frieden finden? Mit sich selbst, mit anderen.

(Amazon)

Swetlana Alexijewitsch, Zinkjungen

Dieser Roman der Literaturnobelpreisträgerin von 2015, der Weißrussin Swetlana Alexijewitsch, ist durch den russischen Einmarsch in der Ostukraine wieder aktuell geworden. Alexievich sammelt mit einem sehr verbreiteten literarischen Mittel die Zeugnisse von Kämpfern, Ärzten und Krankenschwestern, Armeeangehörigen, Ladenbesitzern und ihren Familien, die alle an einem Krieg beteiligt waren, der von den Russen nicht als solcher anerkannt wurde.

Alexievich versteht es, die Texte so anzuordnen und auszuwählen, dass ein besonderer Eindruck entsteht. Die Soldaten, die nach Afghanistan gingen und von ihren Vorgesetzten getäuscht wurden, fanden sich in einer Kriegssituation wieder, auf die sie nicht vorbereitet waren, und kämpften gegen ein ganzes Volk, das einen Guerillakrieg führte. Wie so oft in diesen Konflikten gab es Helden, Feiglinge, Sadisten, Menschen, die reich wurden, andere, die verrückt wurden, wieder andere, die nach ihrer Rückkehr in Depressionen verfielen und zum Gegenstand der Kritik einer ganzen Gesellschaft wurden, die sie nicht als Helden des Vaterlandes betrachtete, wie es in anderen Kriegen der Fall war.

Der Name „Zinker“ stammt von den Särgen, die für die Rückführung der Kriegstoten verwendet wurden. Das Buch enthält Zeugenaussagen, Artikel und Aufzeichnungen verschiedener Personen im Zusammenhang mit der Klage eines Militärfahrers und der Mutter eines im Einsatz gefallenen Soldaten. Dieser Prozess hat natürlich indirekt zum Erfolg des Romans beigetragen.

Swetlana Alexijewitschs Botschaft ist klar: Krieg hat nichts mit den Heldenfiguren zu tun, die die militärische Tradition vielerorts preist. Und die durch den Krieg verursachten Schäden beschränken sich nicht auf die Schäden und die Verwundeten und Toten.

Eine interessante Lektüre, aber sehr anstrengend.

Was andere dazu meinen: Zinkjungen: So wurden im sowjetischen Afghanistankrieg die gefallenen Soldaten genannt. Ihre Leichen durften den Angehörigen nur in zugeschweißten Zinksärgen übergeben werden. Das Wort steht exemplarisch für die Verschleierungspraxis der Sowjetunion, die alles dafür tat, die brutale Realität des zehnjährigen Krieges geheim zu halten. Swetlana Alexijewitsch hat mit Soldaten, Müttern, Witwen und Krankenschwestern gesprochen und verarbeitet die Augenzeugenberichte in ihrem »Roman der Stimmen« zu einem erschütternden Antikriegsbuch. Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch dokumentiert den universellen Wahnsinn des Krieges und seine verheerenden Auswirkungen auf ihre Gesellschaft – in Zeiten von weltweit auflodernden Krisenherden ist dieses Buch aktueller denn je. »Beharrlich, furchtlos, ergreifend.« Karl Schlögel, Laudatio zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2013 (medimops)

Georg Orwell, Reise durch Ruinen

Georg Orwell ist vor allem durch seine Dystopien wie 1984 und Animal Farm bekannt geworden. Seine eigentliche Arbeit war eigentlich der Journalismus. So hat er aus Spanien in der Zeit des Bürgerkrieges berichtet, ebenso aus Frankreich und Deutschland gegen Ende des Weltkrieges.

Dieses Büchlein ist eine interessante Reportage aus dem Jahre 1945. Man darf aber den kleinen Artikeln keine übermäßige Ansprüche stellen, etwa über die Beurteilung des Holocausts.

Was andere dazu meinen:

Zwischen März und November 1945 folgte George Orwell als Kriegsberichterstatter den alliierten Streitkräften durch Deutschland und Österreich. Seine Reportagen schildern frei von Triumph oder Hass, welche Zerstörung der Krieg über Städte, Länder und Menschen gebracht hat. Hier erscheinen sie erstmals geschlossen in deutscher Übersetzung.

(Amazon)

Was ist dieser Blog?

Lieber Bücherfreund!
Hier findest Du eine Liste von Büchern, die ich für lesenswert halte. Sie erhebt weder Anspruch auf Allgemeingültigkeit noch auf Vollständigkeit. Ich gehe davon aus, dass die Besucher dieser Seite sich in der Weltliteratur zu Hause fühlen und gerne lesen. Hier sind nur Bücher aufgeführt, die ich selbst gelesen habe, die relativ aktuell sind oder die, wenn sie schon älter sind, noch nicht allgemein bekannt sind.

Ich bin mit Büchern und Lesern aufgewachsen. Als ich anfing, meinen Lebensunterhalt mit der Bearbeitung von Sprachen und Inhalten zu verdienen, las ich besonders viel aktuelle spanische Literatur und spanische Übersetzungen von Werken aktueller Autoren. Ich begann auch bald, zu jedem Buch eine kurze Rezension zu schreiben. Einfach so, für mich, und auf Spanisch. Daraus entstand mein erster Blog, den ich mit meinen Geschwistern aufbaute: libros.canals.de.

Dieser zweite Blog auf Deutsch entstand, als mich immer mehr Freunde und Bekannte nach guten Büchern fragten. Es kann sein, dass die Texte sprachlich nicht ganz fehlerfrei sind. Dafür sind die Bücher, die ich hier empfehle, umso besser.

Viel Spaß beim Stöbern und Lesen.
Javier