Joel Dicker, Die letzten Tage unserer Väter

Joel Dicker, geboren in Genf (Schweiz), ist trotz seiner Jugend einer der erfolgreichsten Schriftsteller Europas. Viele seiner Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und erreichten die Spitze der Verkaufscharts. Ich habe eine persönliche Meinung zu seinen Werken, die im Allgemeinen positiv ist, aber mit Einschränkungen. Vor allem finde ich seine Thriller zu „künstlich“, mit einer Handlung, die mit dem Leser spielt und ihn verwirrt, um ihn daran zu hindern, das Rätsel selbst zu lösen. Dies ist in einigen seiner Romane deutlicher als in anderen.

Vor seinem Durchbruch mit Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert hatte Dicker bereits zwei Werke geschrieben: Der Tiger, der bei einem Schulwettbewerb abgelehnt wurde, weil man die Erzählung für einen so jungen Autor für zu anspruchsvoll hielt, und Die letzten Tage unserer Väter, der zunächst von vielen Verlagen abgelehnt wurde, bevor er schließlich einen lokalen Preis in Genf gewann.

Die Handlung: Auf Initiative von Churchill wird 1940 ein Sondereinsatzkommando SOE gegründet, das sich aus jungen Leuten aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern zusammensetzt, um die deutsche Militärmacht von innen heraus durch Sabotage, schwarze Propaganda, Desinformation und sogar direkte Kriegsführung zu bekämpfen, teilweise in Zusammenarbeit mit dem Widerstand in diesen Ländern. Der Roman zeigt und begleitet eine Gruppe von Franzosen, die in ihrem Land rekrutiert und zur Ausbildung nach London geschickt werden. Einige Figuren sind unvergesslich, wie (um ihre Kampfnamen zu verwenden) Pal, Gros, Cucu oder Laura. Andere sind weniger gelungen.

Bei allem Respekt für den Autor, den Übersetzer und die vielen Dicker-Fans: Ich finde den Roman unausgereift. Das Buch ist gut recherchiert und der Autor gibt sich Mühe, die verschiedenen Figuren zu charakterisieren, aber er überzeugt mich nicht ganz. Möglicherweise sehen andere Leser das anders. Auf jeden Fall kann man in diesem Buch schon die Qualitäten erkennen, die den Autor auf die Bestsellerlisten gebracht haben.

Michael O’Brien, Father Elijah: Eine Apokalypse

Daniel Schäfer, ein Warschauer Jude, kam als einziges Familienmitglied nicht in Auschwitz um. Nach dem Krieg zog er nach Israel, wurde Anwalt, heiratete Ruth, die bald bei einem Anschlag starb – „die unerbittlich leeren Jahre begannen”. Er konvertiert zum Christentum, wird Karmelitermönch und heißt von Stund an Elijah. Seine Zuneigung gilt der Archäologie und der apokalyptischen Fachliteratur. Sein Blick ist meist verhangen, er fühlt sich alt und müde. Dennoch ruft der Papst ihn nach Rom, um den Untergang der Christenheit zu verhindern. Der neue Präsident der Europäischen Union will eine „globale Zivilisation” errichten. In diesem Kampf sind neben Elijah und dem „Präsidenten“ (er bleibt namenlos – das Böse hat keinen Namen) noch zwei weitere Figuren wichtig: Anna Benedetti, als naturrechtlich argumentierende Richterin eine agnostische Verbündete Elijahs, und ein Kardinal, der die Kirche zu einem Hort der neuen Weltordnung machen will. Unter dem – bekanntlich keineswegs erfundenen – Banner des Dialogs und des Aggiornamento soll der christliche Glaube zur bloßen Weltanschauung werden, ohne Gebet, ohne Sakramente, ohne Erinnerung. Das außergewöhnliche und außergewöhnlich bekenntnisfreudige, nur momentweise kitschige Buch endet dann aber nicht mit Donner und Gloria, sondern leise, wie es begann – und ergo apokalyptisch, erscheint doch „die reale Apokalypse als Normalität, weil wir mittendrin sind.”

Der Kanadier Michael D. O‚Brien, 1948 in Ottawa geboren, war als Jugendlicher Agnostiker bis er im Alter von 21 Jahren zum Katholizismus konvertierte. Autodidakt ohne akademischen Hintergrund begann er fünf Jahre später auf Drängen seiner Frau, sich in seiner – meist bildnerischen –Kunst religiösen Themen zuzuwenden. Erst im Alter von 46 Jahren begann er zu schreiben. 1996 wollte er in einem dystopischen Roman eine buchstäbliche Apokalypse, begriffen als frei und oft martialisch herbeifabulierte Endzeitphantasie, wie sie real aussehen könnte, schaffen. So entstand ein Bestseller, der mittlerweile zum Curriculum einiger US-amerikanischen Universitäten zählt: Ein katholischer Mystery-Thriller.

Michael O’Brien hat heute sechs Kinder und lebt mit seiner Familie in Combermere, Ontario, Kanada.

Was mich an dem Roman – den mir eine Universitäts-Professor empfohlen hat, der weit davon entfernt ist, auch nur im mindestens kampf-konservativ, reaktionär oder katholisch-fundamentalistisch zu sein – fasziniert hat ist, dass er in gewissem Sinn trotz der ureigentlich religiösen Thematik ganz laikal bleibt, ja zuweilen wie ein gewendeter Dan Brown rüberkommt. Natürlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Hugh Benson’s „Der Herr der Welt“ im Hintergrund Pate gestanden hat.

Was die anderen dazu meinen:

„ … beachtlich an diesem katholischen Thriller, ist, wie gut er unterhält, wie selten er ins Kitschige abgleitet und wie geschickt er seine Figuren konturiert.“ (Süddeutsche Zeitung)

Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne

Der Roman beginnt in einem Spielzeuggeschäft, in dem solarbetriebene Androiden in Kindergestalt – sogenannte „künstliche Freunde“ (KF) – zum Verkauf angeboten werden. Klara ist eine solche. In der geschilderten dystopischen Zukunft – irgendwann in den USA – werden Kinder genetisch verändert und wachsen in sozialer Isolation von ihren Altersgenossen auf. Die KFs dienen ihnen als Gefährten. Klara beobachtet als Erzählerin des Romans das Leben der Menschen, versucht sich so manches zu erklären und hofft, bald von einem Kind als neue Freundin ausgewählt zu werden. Als sich ihr Wunsch endlich erfüllt und ein Mädchen sie mit nach Hause nimmt, beginnen die Probleme, Enttäuschungen, Fragen …

Kazuo Ishiguro (*1954 in Nagasaki) ist ein britischer Schriftsteller japanischer Herkunft. In vielen seiner Romane behandelt er das Eingeschlossensein in Rollen, Situationen, ja im Menschsein. Bei der Verleihung des Nobelpreises 2017 wurde er als Schriftsteller gelobt, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. So schon in seinem berühmtesten Roman Was vom Tage übrigblieb (1989) oder auch in Alles was wir geben mussten (2005). Beide Bücher wurden auch verfilmt.

In Klara und die Sonne, das stellenweise ein bisschen wie ein Kinder- oder Jugendbuch rüberkommt, ist dieser Abgrund erst mit der Zeit spürbar, wenn mit der Akzeptanz des Roboters Klara als Gefährtin eines kranken Kindes langsam die wirkliche Problematik entwickelt wird. Ein sehr stilles Buch, das erst in der zweiten Hälfte ein wenig Fahrt aufnimmt. Für mich liegen die absoluten Stärken in der Schilderung des „Innenlebens“, der Gedanken und Reflexionen der KI über das Phänomen Mensch in all seinen Facetten. Dabei fand ich sehr positiv, dass der Autor offensichtlich nicht die Künstliche Intelligenz oder die aus ihr folgende Technik für gefährlich hält, sondern den Menschen in seinem Umgang damit.

Was die anderen dazu meinen:

„Es geht um nicht weniger als um die Frage, ob der Mensch einzigartig ist – und um die Angst davor, er könnte es nicht sein. Kann eine solche „künstliche Freundin“, das menschliche Wesen in vollem Umfang simulieren?“ (Die Zeit online)

„Easy reading auf hohem Niveau“ (Die Tageszeitung)

Alfred Bodenheimer, Kains Opfer

Dieser Roman, der erste einer Reihe von Erzählungen mit denselben Protagonisten, wurde in der Schweiz mit einem renommierten Preis ausgezeichnet.
Gabriel Klein ist Rabbiner einer jüdischen Gemeinde in Zürich. Kurz nach den wichtigsten Feiertagen im jüdischen Kalender wird ein prominentes Gemeindemitglied, ein beliebter Lehrer an der Zürcher Konfessionsschule, tot aufgefunden. Der Rabbiner wird vom ermittelnden Kommissariat um Hilfe gebeten und findet Hinweise, die zur Verhaftung eines Verdächtigen führen, dessen Frau offenbar ein Verhältnis mit dem Toten hatte. Seine Kontakte zu Mitgliedern der jüdischen Gemeinde führen ihn zu weiteren Verdachtsmomenten und Schlussfolgerungen, denen er außerhalb der offiziellen polizeilichen Ermittlungen nachgeht. Mit ungeahnten Folgen.
Neben der Kriminalhandlung hat der Roman den zusätzlichen Reiz, den Leser in die Welt des Rabbiners und seiner Familie einzuführen, einschließlich eines Aufenthalts in Israel, wo er den Sohn einer ihm bekannten Familie besucht, der an einer orthodoxen jüdischen Universität studiert.
Der Autor, Professor für jüdische Literatur und Religionswissenschaft in Basel, versteht es, den Verlauf einer kriminalistischen Ermittlung mit der Interpretation biblischer Texte und der Darlegung jüdischer Bräuche und Riten zu verbinden. Der Roman ist eine unterhaltsame und informative Lektüre, die Lust auf die bereits erschienenen Fortsetzungen macht.

Was die anderen dazu meinen:

»Der erste garantiert koschere Lokalkrimi.« (Charles Lewinsky)

»Bodenheimer bettet die Suche nach der Wahrheit sehr gelungen in Traditionen der jüdischen Geisteswelt ein.« (focus.de)

Carsten Henn, Der Buchspazierer

Der Autor dieses unterhaltsamen Buches ist Journalist, bekannt vor allem für seine Bücher über Wein und Gastronomie. Er hat auch mehrere Romane geschrieben, darunter „Der Buchspazierer“, ein Werk, das in Deutschland mehrere Wochen lang die Verkaufs- und Kritikercharts anführte.

Insgesamt ist es eine Hommage an die Bücher, an die Leser und an alle, die anderen die Freude am Lesen ermöglichen. Sowohl allgemeinen als, im Besonderen, an die Leser von Romanen. Man sagt, es sind die Bücher, die ihre Leser finden, aber manchmal brauchen sie jemanden, der ihnen den Weg zeigt.

Carl Kollhof arbeitet seit vielen Jahren in einer Buchhandlung in einer deutschen Kleinstadt, die von Gustav Schäfer und später von dessen Tochter Sabine geführt wird. Seit der Übernahme des Geschäfts will die junge Chefin alles verändern.

Carl ist für die Hauszustellung zuständig, eine Aufgabe, die er am späten Nachmittag wahrnimmt. Er liebt diese Arbeit und tauft einige seiner Kunden auf literarische Namen wie Mister Darcy, Effi (Briest), Doktor Faustus, Herkules usw. um. Eines Tages schließt sich ihm ein neunjähriges Mädchen an. Bald gibt sie sich nicht mit ihrer Rolle als Begleiterin zufrieden und beginnt, sich in das Leben der Kunden des Buchladens und des Zustellers einzumischen.

Der Roman erzählt die Geschichte liebevoll, in einfacher Sprache und umrahmt sie mit Zitaten aus bekannten literarischen Werken. Eine Einladung, mehr zu lesen oder mit dem Lesen anzufangen, denn, wie der alte Buchhändler sagt: „Es ist nicht wichtig, was man liest, sondern dass man überhaupt liest“.

Was die anderen dazu meinen:

„Ein Buch zum Einkuscheln, ein Buch das wärmt und Zuversicht spendet. Genau das Richtige für alle, die wissen, wie wichtig ein gutes Buch sein kann.“ BRIGITTE

„Warmherzig, klug und anrührend erzählt Carsten Henn in seinem Bestseller vom Wert der Freundschaft, der Magie des Lesens und der verbindenden Kraft von Büchern!“ Thalia

Tobias Wolff, Alte Schule

Tobias Wolff ist ein weiterer amerikanischer Autor aus der „Schule“ der großen Literaturzeitschriften wie The New Yorker, der seine Karriere in einem literarischen Milieu großer Schriftsteller begann. Die Geschichte handelt vom Schreiben und von Schriftstellern. Der Protagonist erzählt von seiner Zeit in einem Eliteinternat, in dem viele Schüler davon träumen, Schriftsteller zu werden. Die Schulleitung fördert diesen Wunsch durch regelmäßige Wettbewerbe, bei denen ein bekannter Schriftsteller die besten Arbeiten der Schüler auswählt. Die Atmosphäre des Internats, die Beziehungen zwischen den Schülern und zwischen Schülern und Lehrern sowie die Schlüsselerlebnisse im Leben eines Schriftstellers werden gut beschrieben. Er verwendet die Charaktere von drei Schriftstellern der Epoche: Robert Frost, Ayn Rand und Ernest Hemingway, die er mit großem Respekt parodiert.

Die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung, die mit einer Lebens- und Berufserfahrung des Erzählers zusammenfällt. Von da an gerät die Handlung etwas aus den Fugen, was das Buch in die Länge zieht, ohne dass es viel bringt. Nichtsdestotrotz ist das Buch lesenswert, als Hommage an all jene, die den Mut haben, zu schreiben und zu veröffentlichen und damit ihre Seele einem Kreis von Fremden zu öffnen.

Die Meinung der anderen:

„Einer von Amerikas besten Autoren“ Richard Ford

„Phantastisch. Die Magie seines Romans ist schwer zu erklären. Es ist die uralte Kunst des Meistererzählers.“ Tim O’Brien

Ulla Lenze, Der Empfänger

Ein auf wahren Begebenheiten beruhender Roman über einen Spionagering, der vor dem Ausbruch und während des Zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten operierte. Die Hauptfigur, Josef oder Joe Klein, war schon lange vorher nach Amerika ausgereist und arbeitete in New York als Hilfsarbeiter in einer Druckerei, als Hitler in Deutschland an die Macht kam. Ein Netzwerk von Spionen nahm Kontakt zu Joe auf, der ein Niederfrequenzradio gebaut hatte, mit dem er verschlüsselte Nachrichten nach Deutschland senden konnte. Anfangs dachte Joe, er würde einer Handelsfirma bei ihren Aktivitäten unterstützen. Als er merkte, dass er manipuliert worden war, wandte sich an das FBI. Nach Kriegsende wurde er nach Deutschland deportiert, wo er einige Zeit mit seinem Bruder lebte, bevor er das Land in Richtung Argentinien verließ und versuchte, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren.

Der Roman erzählt zwei parallele Handlungsstränge, von denen der eine 1939 in New York und der andere 1949 in Neuss spielt. Es ist schwer einzuschätzen, welche Auswirkungen seine Aktivitäten auf den Kriegsverlauf hatten, aber man kann davon ausgehen, dass diese nicht sehr groß waren. Im Buch werden andere Versuche von Spionage und Sabotage erwähnt, wie das Netzwerk Duquesne oder die Landung eines U-Bootes in der Nähe von New York.

Was die anderen dazu meinen:

Ein leiser, überzeugender Roman über Verantwortung und Mitläufertum. Bücher Magazin

»Ulla Lenze verknüpft meisterhaft Familiengeschichte und historischen Stoff, schreibt brillant, lakonisch, zugleich mitreißend über einen freundlichen Mann, der sich schuldig macht, weil er sich wegduckt.« WDR, Claudia Kuhland

Kim Ho-Yeon, Frau Yeoms kleiner Laden der großen Hoffnungen

Der Autor dieser bezaubernden Geschichte ist ein vielseitiger koreanischer Schriftsteller, der Werke in verschiedenen Genres veröffentlicht hat. Der Roman, der im ersten Jahr der Pandemie spielt, erzählt liebevoll eine Geschichte über Verständnis, Zusammenleben und menschliches Miteinander. Das Buch, das in der Originalsprache 2021 erschien, war in vielen Ländern ein großer Erfolg.

Ein unbekannter Obdachlose, den seine Mitstreiter rund um dem Hauptbahnhof von Seoul Dokgo nennen, findet eines Tages einen Etui mit den Dokumenten und der Brieftasche von Frau Yeom, einer pensionierten Lehrerin, die Opfer eines Raubs gewesen ist. Frau Yeom betreibt in einem Vorort von Seul einen 24-Stunden-Laden, wo man neben Lebensmittel auch andere Produkte rund um die Uhr kaufen kann. Dokgo leidet an einer alkoholbedingten Amnesie und sein einziges Ziel ist es, heil durch den Winter zu kommen. Er findet die Daten von Frau Yeom in ihrem Unterlagen und ruft sie an, um ihr ihr Eigentum zurückzugeben. Die dankbare Lehrerin nimmt ihn mit in ihren Laden und gibt ihm das Recht, jeden Tag dort etwas zu essen zu bekommen, unter der Bedingung, dass er aufhört zu trinken. Dokgo nimmt das Angebot an und wird bald Nachtwächter des Ladens. Dort entwickelt er eine erstaunliche Fähigkeit, sich der Probleme anderer Personen, sowohl Kunden als auch Mitarbeiter, anzunehmen. Nach und nach werden außerdem die Erinnerungen an seiner Vergangenheit wach, die er hinter sich gelassen zu haben glaubte.

Der deutlich asiatisch geprägte Ton der Erzählung ist gelassen, teilweise humorvoll, mit sehr detaillierten Beschreibungen der Orte und der Personen. Der Autor schildert die Problemen und Sehnsüchten der Hauptfiguren und betont immer wieder, wie wichtig es ist, auf die anderen einzugehen und die positive Seite aller Situationen zu finden. Manchmal wirkt die Erzählung ein wenig „naiv“ trotz der realistischen Darstellung. Ich habe die Lektüre auf Spanisch richtig genossen.

Was die anderen dazu meinen:

„Ein einfühlsamer, leicht erzählter Roman aus einer fernen Welt – fremd und uns doch so nah.“ NDR Kultur, 03.01.2024

Haruki Murakami, Nach dem Beben

Eine Sammlung von Kurzgeschichten von Haruki Murakami, die der japanische Autor kurz nach dem Erdbeben in Kobe 1995 geschrieben hat. Die Geschichten sind sehr unterschiedlich, die einzige Gemeinsamkeit ist der zeitliche Bezug zum Erdbeben und der Schockzustand im ganzen Land. Das Buch hat durch das Erdbeben und den Tsunami, die den Unfall im Kernkraftwerk Fukushima auslösten, an Aktualität gewonnen. Später veröffentlichte Murakami ein weiteres Buch mit dem Titel Underground, das einem anderen Konzept folgt. In diesem gibt er den Inhalt seiner Gespräche mit Menschen wieder, die direkt oder indirekt mit dem Terroranschlag auf die Tokioter U-Bahn zu tun hatten.

Auch wenn die Erzählungen kurz sind, vereinen sie doch die charakteristischen Elemente von Murakamis literarischem Schaffen: einsame, nachdenkliche Protagonisten, die sich weigern, ihre Gewohnheiten zu ändern, detaillierte Beschreibungen von Nebensächlichkeiten, die den Erzählrhythmus unterstützen, magische oder seltsame Elemente, die ohne Erstaunen akzeptiert werden, und offene Enden. Ein weiteres Werk für die Fans dieses japanischen Autors, der Jahr für Jahr auf der Liste der Nobelpreiskandidaten erscheint, bisher ohne Erfolg, ohne dass ihn das zu beunruhigen scheint.

Was die anderen dazu meinen:

„Nach dem Beben‘ ist schlüssig wie ein Konzeptalbum, in dem die einzelnen Stücke ähnliche Themen kommentieren und aufeinander verweisen.“ taz

„Nach dem Beben“: Fünf Tage und Nächte verbringt die Frau eines Verkäufers für Hifi-Geräte vor dem Fernseher mit den Katastrophenbildern vom Erdbeben – dann verlässt sie ihren Mann, der sich mit einem mysteriösen Päckchen auf eine Reise begibt. Eine Wahrsagerin sieht tief in die hasserfüllte Seele einer Ärztin, die einem Mann aus Kobe, der ihre Hoffnungen zerstört hat, den Tod wünscht. Die vierjährige Sara begegnet in ihren Alpträumen dem Erdbebenmann, der sie in die Kiste sperren will. Und der Bankangestellte Katagiri hat in seiner Wohnung Besuch von einem Riesenfrosch, der Tokyo vor der Zerstörung durch einen Wurm retten will. (Amazon)

Harlan Coben, In ewiger Schuld

Maya Burkett ist seit kurzem Witwe. Ihr Mann, Mitglied einer wohlhabenden Unternehmerfamilie, wurde im New Yorker Central Park von zwei Schlägern ermordet. Maya leidet unter den Erinnerungen an ihre Einsätze im Irak-Krieg, wo sie als Hubschrauberkommandantin an einem Einsatz beteiligt war, bei dem mehrere Zivilisten ums Leben kamen. Auf Anraten eines Freundes installiert sie eine versteckte Kamera und ein Aufnahmegerät im Zimmer ihrer zweijährigen Tochter Lilly, um zu Hause weiter mit dem Kind arbeiten zu können. Eines Tages zeigt ihr die Aufnahme der Kamera ein schockierendes Bild: Ihr verstorbener Mann Joe betritt das Zimmer und begrüßt ihre Tochter. Von diesem Moment an sind all ihre Gewissheiten über ihren Mann, ihre Familie und ihr bisheriges Leben erschüttert und sie beschließt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen.

Harlan Coben ist einer der besten Krimiautoren der USA, der die meisten Preise für diese Art von Literatur gewonnen hat. Er versteht es, die Informationen, die er dem Leser vermittelt, so zu dosieren, dass die Spannung bis zur letzten Seite erhalten bleibt, ohne den Leser mit falschen Hinweisen in die Irre zu führen. Dieser Roman ist ein gutes Beispiel für die „Taschenspielertricks“ eines Krimiautors. Die Erzählung in der dritten Person entlastet den Autor von der Verantwortung für falsche Vermutungen beim Leser, wozu natürlich auch die angegebenen Fakten und Aussagen und deren Gewichtung auf den Seiten des Romans beitragen. Gleichzeitig versucht der Autor, die Präferenzen seiner Leser zu lenken, indem er bestimmte Haltungen und Reaktionen der Protagonisten hervorhebt, Sympathien weckt und bestimmte Verhaltensweisen zuspitzt. In gewisser Weise ist es unvermeidlich, implizite ethische Kriterien in die Betrachtung der Handlungen der Figuren einzubeziehen, auch wenn man versucht, sie auszuschließen. Dies ist zweifellos einer der am meisten vernachlässigten Faktoren bei der Beurteilung eines Kriminalromans. Was das Handwerk betrifft, Coben beherrscht es ohne Zweifel.

Was andere dazu meinen:

»Der Autor versteht es, die Spannung bis zum verblüffenden Ende aufrecht zu erhalten« („Der Landanzeiger„)

»Das Genie dieses amerikanischen Schriftstellers liegt darin, Thriller zu schreiben, die sowohl hoch spannend als auch emotional sind.« („Heat„)