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Walter Kempowski, Alles umsonst

Walter Kempowski zählt zu den besten deutschen Schriftstellern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Neben mehreren historischen Romanen ist sein ehrgeizigstes Projekt „Das Echolot“. Es handelt sich dabei um zehn Bände mit privaten Originaldokumenten aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs, darunter Briefe, Notizen, Tagebücher und Kleinpublikationen. Ähnlich wie bei einem Echolot sollen die gesammelten Aufzeichnungen ein Bild der deutschen Gesellschaft jener Zeit vermitteln.

Kempowski wurde im Alter von 15 Jahren als Helfer zum Kriegsdienst einberufen. Nach Kriegsende wurde er bei einem Besuch seiner Mutter in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik festgenommen, vor Gericht gestellt und als Spion des Westens zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Er verbüßte acht Jahre seiner Strafe in einem politischen Gefängnis.

In „Alles umsonst“ erzählt er in Romanform von den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs in einer fiktiven Stadt in Ostpreußen, das heute auf Polen, Russland und andere Länder aufgeteilt ist. Auf einem Gut in der Nähe der Stadt lebt die Familie von Globig. Der Ehemann, ein Soldat, befindet sich in Italien und die Frau lebt mit ihrem Sohn Peter, einer entfernten Tante sowie weiteren Personen – teils Angestellte, teils Flüchtlinge – zusammen. Angesichts des bevorstehenden Vormarschs der Russen, die sich hinter der polnischen Grenze befinden, kommen zahlreiche Flüchtlinge im Haus vorbei. Die Partei ordnet an, dass die Familie sie beherbergen muss. Sie bringen ihre eigene Sicht auf die Situation und die Zukunft ein.

Die bedrückende Präsenz des NS-Regimes, die herrschende Unsicherheit und der strenge Winter 1944/45 verleihen der Erzählung zwangsläufig einen negativen Unterton, was sich bereits im Titel des Romans widerspiegelt. Dieser stammt von einem berühmten Satz Luthers und dient als Einleitung zum Werk. Er besagt, dass nur der Glaube und die Gnade die Kraft haben, uns zu verbessern und uns Vergebung zu verschaffen, während all unsere Bemühungen vergeblich sind, so sehr wir uns auch anstrengen mögen.

Es ist ein harter Roman, der mit Feinsinn und Meisterschaft die Stimmung einer ganzen Nation nach dem Zusammenbruch einer Ideologie widerspiegelt, die innerhalb weniger Jahre die ganze Welt auf den Kriegsfuß stellte und den Tod von Millionen Menschen verursachte. Als kein Zweifel mehr daran besteht, dass das Hakenkreuz-Ideal besiegt werden wird, sehen sich Anhänger und Gegner gezwungen, sich der neuen Situation zu stellen: der inneren Bedrohung durch die politischen Strukturen der Nazis und der äußeren durch die Armeen der Alliierten, vor allem die der Russen.

Zu den Errungenschaften des Romans gehört die psychologische Beschreibung der Hauptfiguren, darunter aufgrund seiner Naivität auch die des Protagonisten des letzten Teils, Peter, ein zwölfjähriger Junge.

Die Meinung der anderen:

„Dieses Buch zeigt, dass Literatur etwas kann, was Historiker nicht vermögen.“ Andreas Isenschmid, Neue Zürcher Zeitung
„Walter Kempowski hat ein weiteres Mal das fast Unmögliche, das fast nie Gelingende geleistet: einen vollkommen überzeugenden historischen Roman.“ Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung