Archiv für den Tag: 3. Februar 2025

Wilkie Collins, Der rote Schal

Dieser Roman ist eines der großen Werke von Wilkie Collins (1824-1889) und wurde für die Veröffentlichung in Fortsetzungen geschrieben, eine damals sehr verbreitete Form der Verbreitung, die Collins wie sein Freund Charles Dickens praktizierte. Dies erklärt den Umfang der Erzählung, der bei einmaliger Lektüre übertrieben erscheinen mag, und ihre Aufteilung in „verdauliche“ und sich teilweise wiederholende Einheiten. Wenn man sich entschließt, dieses Buch zu lesen, was sicherlich lohnenswert ist, empfehle ich, dies in mehreren Etappen zu tun, unterbrochen durch andere Lektüre. Trotz der Unterbrechungen kann man der Handlung gut folgen, da die Zahl der handelnden Personen nicht übermäßig groß ist.

Allan Armadale, ein wohlhabender Engländer, diktiert in einem Schweizer Badeort einen Brief an seinen Sohn, der ihn erhalten soll, wenn er volljährig wird. Der Brief erzählt die Familiengeschichte, kündigt eine Erbschaft an und weist den Empfänger an, den Kontakt zu bestimmten Personen zu meiden, die für den jungen Mann eine echte Gefahr darstellen könnten.

Von da an entfaltet sich eine sehr englische Geschichte, die in London und Norfolk, in den Kolonien des Empire und in einigen europäischen Städten spielt. Ehrgeiz, Eifersucht, die Unschuld und Impulsivität junger Männer und die Verschlagenheit einer Frau, unterstützt von einem gerissenen Quacksalber und einem sogenannten Arzt, bedrohen das Leben und den Wohlstand der beiden Protagonisten, die aufgrund des Schicksals ihres Vaters offiziell denselben Namen tragen.

Collins ist ein außergewöhnlicher Autor. Wie ich eingangs sagte, können Stil und Tempo etwas repetitiv wirken, und der Roman ist insgesamt lang. Trotzdem lohnt es sich meiner Meinung nach, ihn zu lesen.

Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin

Dieses Büchlein aus dem Jahre 1936 trägt den vieldeutigen Untertitel „Ein Gewissen gegen die Gewalt“. Es handelt sich nicht um einen Roman, sondern um eine historische Monographie. Der Autor verschlüsselt darin seine Wahrnehmung des Nationalsozialismus und übt damit zugleich eine deutliche Kritik am Totalitarismus der NSDAP drei Jahre nach deren Machtergreifung.

Zweig schildert kurz das Leben des Humanisten Sebastian Castellio und des „Genfer Diktators“ Calvin und stellt die Gegensätzlichkeit der beiden Männer dar, die er intellektuell als gleichwertig ansieht. Zweig stellt nie die Legitimität der Reformation in Frage, betont aber die Position Castellios als liberaler Reformator gegenüber dem „orthodoxen“ Reformator und genialen Organisator Calvin.

Wie in anderen Büchern Zweigs aus dieser Zeit, vor allem Triumph und Tragödie des Erasmus von Rotterdam (1934), richtet sich Zweigs Botschaft entschieden gegen Intoleranz und menschenfeindliche Ideologien. Gemeint war neben dem Nationalsozialismus auch der kommunistische Totalitarismus unter der eisernen Faust Josef Stalins.

Es wäre aber nicht ein Buch von Stefan Zweig, wenn es nicht auch interessante Parallelen gäbe. So ist Miguel Servet, ein Opfer der Genfer Gerichte, eine Art Don Quichotte, der Unnachgiebigkeit mit Realitätsverweigerung verband. Nach Servets Tod schrieb Castellio seine Kampfschrift De haeriticis, deren Druck von der Zensur verhindert wurde, und wandte sich offen gegen einige Lehren Calvins.

Für Zweig war Castellio ein Verfechter der religiösen Toleranz. Im Vorwort gibt der Autor seinem Buch auch eine sehr politische Dimension: „Diese immer wieder notwendige Abgrenzung zwischen Freiheit und Autorität bleibt keinem Volk, keiner Zeit und keinem denkenden Menschen erspart: denn Freiheit ist nicht möglich ohne Autorität (sonst wird sie zum Chaos) und Autorität nicht ohne Freiheit (sonst wird sie zur Tyrannei)“.